Feuerwerk. Prosa (Klever 2011)

ausgezeichnet mit dem Staatsstipendium für Literatur 2010/2011 und dem 2. Preis Literaturwettbewerb der Grazer Akademie 2010

170 S., 12,5×19 brosch.
Euro 17,90
März 2011
ISBN 978-3-902665-29-4

Robert Prossers zweites Buch Feuerwerk ist der unmögliche Versuch, die Zeit auszuspielen mithilfe der Erinnerung – die sich hier, während einer Reise durch Venezuela, in ihrer Vielfalt auffächert, wild und anarchisch Welt gebärend: Die Vergangenheit als Countdown, runtererzählt etwa in einem Stundenhotel im Rotlichtviertel von Caracas, im Jetzt aus Ventilatorsurren und Hitze, um als Sprechen zwischen Mann und Frau zu münden, die darum kämpfen, weder im Anderen noch in der Fremde verlorenzugehen – stattdessen reisen sie von Gegenwart zu Gegenwart einem Rätsel hinterher. (Verlagstext)

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PRESSESTIMMEN

Prossers Literatur ist ein Angriff das stillschweigende Sichabfinden mit den Verhältnissen. „Die Jugend verlangt natürlich nach Aufbegehren“, heißt es an einer Stelle, „missachtet jedoch den Regeln entsprechend im Endeffekt nur die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Landstraßen.“ Dieser Autor will mehr. Er plant Regelverstöße im Schreiben, verstößt gegen eine Ästhetik der Schönheit und Ebenmäßigkeit, um es den Verhältnissen wenigstens sprachlich heimzuzahlen. Hier haben wir dieses Österreich, gegen das sich Prosser anstemmt, sodass die Bastion der Gemütlichkeit zerbröckelt, dort ist Venezuela, das als Fluchtort auch nicht geeignet ist. Schaut er durch das Fenster des Hotels, blickt er „auf ruiniertes Nachtdasein“. Prosser schaut auf unsere Welt und macht überall Defizite aus. (Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten)

Und allen anderen sei gesagt, dass „Feuerwerk“ so dicht wie flüssig ist, dass jeder Fokus, der darauf gelegt wird, in gewisser Weise kontingent ist, sodass diese Rezension anstatt sich aufs alte Thema „Schreiben vs. Miterleben“ zu kaprizieren, ebenso von den teils skurrilen Reise-Begegnungen, der Suche nach Voodoo, den tristen tiroler Dorf-, Sauf- und Arbeitsgeschichten, den ganzen schläfrig machenden Pheromonen, dem Graffiti-Writing oder der Jugend im Wald handeln hätte können. Das letztgenannte Thema hat Prosser auch schon die Bezeichnung „Radikal-Stifter“ eingebracht, was nicht einmal ganz falsch ist, aber ebensowenig falsch wäre eben auch Radikal-Sage-Francis oder Radikal-Slug. Die Schnittmenge von radikalisiertem Avantgarde-HipHop und radikalisiertem Biedermeier (und noch zwei bis drei anderen Dingen, die wir übers Dazwischen wissen) muss man ja auch erst einmal hinkriegen. (Martin Fritz, Kolik #53)

Robert Prosser hat mit dieser Prosa eine neue Stufe seines Schaffens erreicht. Zwar ist er seiner Assoziationstechnik treu geblieben, doch der Text scheint im Vergleich zu „Strom“ strukturierter und leichter zugänglich zu sein. Dennoch braucht man auch hier einige Seiten, um sich an Rhythmus und Erzähltechnik zu gewöhnen. Aber dann ist es ein außerordentlicher Genuss. Denn Prosser ist ein Sprachakrobat! Er jongliert nicht nur zwischen Innen- und Außenwelt, sondern er verdreht Wörter und setzt neue Wörter zusammen. Einige Beispiele: Dialektmassiv, Daumen mal Pi, Betonscharade. Prosser verweist hier auf Rap, teils auf experimentelle Poesie… Mit „Feuerwerk“ ist Robert Prosser eine rhythmische, weitsichtige und vielschichtige Prosa gelungen. Der gebürtige Tiroler kristallisiert sich immer mehr zu einem unentbehrlichen Autor am experimentellen Firmament! (Angelo Algieri, Buchmagazin)

LESEPROBEN

(drei Beispiele: nahe Chivacoa, Provinz Yaracuy, auf der Suche nach Voodoo / eine Art Liebes- oder Lichterklärung / Graffiti, beinah auf der Metaebene.)

ins Zentralorgan die volle Mythenladung abgekriegt aus Legenden Märchen Phantasien im loco! rufen, auflachen, wie auch immer: Neugier angefacht, und noch bevor die Hitze unterm Tarnkappen-Morgendunst sich die Bewegungslosigkeit vom Kopf reißt, den erstbesten Jeep in Richtung Sorte-Gebirge genommen, jetzt wollen wir’s wissen, denn all die Geschichten jagen fast Schauer übern Rücken, neuzeitliche Märchen vom Trancezustand und starr mit gierigen Blick in weitgeöffnete Ziegenhälse, nur einen Bocksprung entfernt, so heißts, und sind nun deshalb eingepfercht ins Wageninnere unterwegs zum Bergbeginn, wo Altäre den Eintritt ins beschwörende Tierblutrauschen bedeuten. Ein Netzwerk aus Rauch und Demut tanzt trippelnd über Kohlen, mit jedem Gliederverrenken wird einer an sich unbedeutenden Landschaft Mystik aufgezwungen als imaginäre Torbögen an Bergflanken im Namen von Leben und Tod, verziert vom Glauben an Maria Lionza berankt, der Herrscherin übers venezolanische Bestienvolk, wildes Getier liegt ihr zu Füssen, die seit dem 16. Jahrhundert und sogar noch heut in dieser Gegend haust, sich betanzen lässt da zwischen den Bäumen Altäre und Zigarren und Rum, verrauchte gesoffene Geschichten, wie immer wieder: manche kehren nie zurück in die umliegenden Städte und Dörfer, da sie den Ruf aus Pantheon-Kaleidoskopen nicht zu deuten wussten, den schillernd rauchsäuselnden Alarm missachteten, und trotz Ablehnung eines Heiligen den Schritt dennoch dem Gipfel zu wandten, ins Labyrinth voll mit Tiertummel und irrlichternden Geräuschen, obwohl von irgendwoher, aus raschelndem Schlangengleiten durchs Unterholz, aus dem Dickicht hervor, plötzlich mit Stimme erfüllte Figürchen auf Altären Stummel und Warnung stammeln, eine Zigarre obligatorisch zu Ende rauchen, sie sprechen vom Abenteuer, versprechen Schutzgeister zu sein, für zukünftigen Bildverlust, als eine einfache, asketische Formel: Delta, das uns auf der Zunge liegt, ausmündet als Erzählung, Mutmaßung über Körper und Gegenwart und Dämonen: Daumen mal pi.

Orange-spektral bis neonblau sind die Zacken, kurz gerundet auf Berührung ausgerichtet, schneidend die Körper im Bett, über die Haut geistert in theatralischen Gesten Elektrizität imitiertes Zirpen vom sommerlich urbanen Schwelen synchronisierter verfehlter Dialog, denn künstlich spielt sich das Licht am Mund vorbei, stiehlt daraus die Regenschur, und ich bräuchte einen Geigenbogen für diesen blauen Ton werden Magnete in unsren Sinnen, den untertitelten Himmeln, zu Feuer Masken blendend aufs Wesentliche rückgespiegelt über Glanzschweiß das Licht und im Haar Nachtlärm, wir zehren am letzten Rest der gestammelten Liebeserklärungen, Wortfetzen legen Balsam als Wunderschönstes an Laut unbegreifliche Liebesseufzer, leibhaftig bis in Hautnähe herangerückt, um uns zu verpuppen, zurück als Larven-Träger andrer Rollen, offline nackt und mobil gehen die Augen über, nur zwei Stimmen spielen durch Blitz Licht Atem von uns zu nehmen, inmitten der Scheinlandschaften hingeworfen im Spot Light Camera Action an urbanen Zentren reiß ich das Maul für Lieder auf; im Schweigen hängt mir der Horizont aus dem Hals, feucht und rot sind die weitgeöffneten Mundmöglichkeiten als geifernder Blick auf der Zungenspitze bis zur Unendlichkeit verstellt, wie wir einander entgegenpulsieren im Kammernspiel klaustrophob gebannt und einverlebt, bis sich wieder eine eigene Stimme formt die Sprache: Rambazamba Soundmasala / aber die Sprache schrammt haaresbreit am Paradies vorbei, denn wir sind Flut die beiden Nacktkörper, nach welchen nichts kommt, die sich bloß aus dem Dachfenster lehnen, lassen Luft über ihre gestimmte Haut streichen. Im Strömungsverlauf knapp überm Fensterbrett ans Ufer gelangt und aufgetaucht, im gierigen Kopfverdrehen aus freigeatmeten Einrissen raus hoch zum Himmel blickend, von der uns in Zirkeln Ellipsen umkreisenden Stadt…

Dennoch ist’s ein Gegenpol, ein einzeln malendes, Adrenalin suchendes Ich, durch Namen Farbkombination und Action definiert lässt es sich nicht davon trennen, und wird zwar nie außerhalb eines kleinen Kreises bekannt, rechtfertigt aber jede Tätigkeit trotzig mit dem Großstadtspiel, um selbst Provinzdiskos Bedeutung zu geben, denn es lernt, diese Momente zu lieben, die Stille, da es wartet, kauert, sich versteckt, die Orte nach Gefahr absucht, tastet und lauscht angespannt auf Lauer liegend die Furcht, die nötig ist, um das Laternenschimmern zu geniessen, überhaupt: alles genießt Ambivalenz, selbst wenn niemand weiß, dass ich oder du hinter diesem lächerlichen Schriftzug existieren, dass ich es bin, der dich erkennt, dich lesen kann, dann habe ich Bedeutung als Handlung, ein Neuerlernen vom Schreibakt, verpass dem Alphabet einen Strich Richtung 3D, gib ihm Schlagzeilen, ein Bersten, und Fragment, Mutation, zeig und zeichne ihm neue Wege, Ausgänge, ein Exit in den Untergrund und lerne zugleich aus all den Farb- und Stilkonvoluten mir die Namen rauszuholen, Städte Züge neu zu deuten, decodier die Sprayer Crews Farben als politische Haltung zurück ins Inkognito aus einem gewissen Stolz heraus, denn hier steckt keine Theorie dahinter, nur größtenteils Anfeindung, Ablehnung, keine Wissenschaft, höchstens gelegentliches Galeriengeschwafel vonwegen Basquiat, Graffiti als Revoluzzerfaustabdruck im Lebenslauf, aber immer: Spots suchen, Dosenklappern, und malen laufen zeichnen, denn Ich ist eine Stilkonstante, die mein Trieb mir gibt.