Schrift : Züge

Zum Ausgangspunkt

stehe auf dem obersten Absatz einer Steintreppe, kurz nach 0 Uhr ein Innehalten, vielleicht ein Feuerzeugschnippen als Angebot an Laternenverläufe unter mir lichtlaternt eine merkmallose Samstagnacht die übliche Verdächtige verraucht ihre Aussage glaubhaft aus Fabriksschornsteinen mitternächtlich Zündsteinreibung Funkenschlag, ein letzter Zug an der Zigarette und schnipp sie weg, hinunter in Kleinstadtatmosphären knapp übern Inntalboden. Erobere mir selbst die dortigen Mauern Brückenpfosten und spür daher kommt der Wind ich spür Aufwallung und Spraydosen im Rucksack, passend camouflagegemustert die Hungerrationen aus dem Walkman gespeist und angespornt Sprechgesang und Infektion die Zeit davor: in Provinzdiskotheken gelangweilt billigen Fusel trinken, ein Pflichtprogramm als Pausenfüller, aber verwahre die baldige Auflehnung im Rucksack und im Gebüsch die Momente danach wasche ich meine Finger in Dreckspfützen, lackbeschmierte Finger tauchen ins Pfützenwasser des Asphalts einer zerlöcherten Parkfläche, zwischen Lastwagen reibe ich mir die Fingerkuppen sauber und knie über verdreckten Lichteinwurf, im kleinlichen Wellenschlag frag ich mich wofür? mittendrin der Straße entlang des Fabriksareales gefolgt, verstecke mich achtsam vor gelegentlich auftauchenden Autos und immerzu liegt hinterm Umsperrungswall ein dauerndes Rauschen, dumpfes Werken der Hochöfen stößt verrußte Hitze aus Schornstein und Schlot als Schichtarbeit und Kupferschmelze, davon stiehlt es sich aufs Mauerwerk dreckige Ablagerung meiner vagen Vorstellungen von NYC und Funk und Soul der Massenzerstörung durch Schrift und Farbe, wie in Paris Dirty Handz tauche ich meine Finger ein ins altbekannte Unterinntal, genau dort

packe ich die Spraydosen aus, sie in einem Pullover gewickelt heimlich lärmgedämpft schüttelnd hingekniet in dieser Nacht, und zuvor aus Provinzdiscos überstürzt geflüchtet, zu Fuß hierher geschlichen, an den Schienenrand vorbeiratternder Güterwaggons, die als Ansporn und Hohn den Moment teilen spalten ein lärmender Durchriss und ich kauere in Gebüsch und nassem Gras, warte auf den nächsten Zug, verstaue die Spraydosen, nunmehr geschüttelt und mit den passenden Caps versehen, im Rucksack und laufe endlich die Eisenbahnbrücke entlang übern Gleiswallstein, unter mir ist die Autobahn ein aufgeregtes Lichtern der Scheinwerfer, auf dem Asphalt legen sich horizontale Fließkräfte ins Reifenstolpern, bis ich am Ende der Brücke den Abhang hinunterstürze, hin zur Wand eines Bürogebäudes. Unbenützt stehen Baumaschinen auf dem Parkplatz, kauernd in ihren Schattnischen öffne ich hastig den Rucksack, beginne mit schwarzer Farbe Linien der eingeübten Skizze zu ziehen und höre immer wieder aufs Surren über den Gleisen, schwarz lackiertem Holz und Schienenstrang wird aus Rost und Stein ein Singen entlockt, folge diesem Vorboten ins Versteck, starre zitternd an der Grenzlinie, durch asphaltiertes Firmengelände und dem Grashang hoch zu den Gleisen gezogen, auf die erleuchteten Fenster der Waggons, aus denen manchmal Passagiere geistesabwesend in die Nacht blicken, schemenhaft zugleich unwissend dahin reisen und ich verstecke mich dort knapp unterhalb der Züge, den ihnen innewohnenden Zielen. Vor mir im Laternenlicht schimmert ein sich öffnendes wachsendes Bild, dessen Geruch sich verstärkt wie auch auf den Händen mehr und mehr Lackspritzer zurückbleiben, bald kümmere ich mich nicht mehr um vorbeirasende Waggons, ihren Passagiersblicken, male stattdessen ungestört weiter, laufe schließlich über Eisenbahnbrücke und stetige Straßenturbulenz zurück, kauere erneut atemholend im Gebüsch und die Blendlichter poltern, bis sie am anderen Ende verstummen, die Farbpatzer dagegen die Stimmlichter verblenden die Umsicht vor lauter Adrenalin, welches nur langsam den Körper frei gibt als Nekrolog

im Kindrevier wöchentlich auf zur Fabriksumschweifung und danach zurück ins Dorf gestoppt, sitze frühmorgens auf dem Zimmerboden, öffne den mit Dreck und Tannennadeln überklebten Rucksack, verstecke die Spraydosen unterm Bett und wie nun möglichst leise, um die Eltern im Zimmer nebenan nicht aufzuwecken, Public Enemy den Soundtrack liefert, will ich immer weiter vordringen, fabriziere etwa ein Cap aus einem Deodorantverschluß und setze es auf die Dose, mit versuchtem Kennerblick betrachtend drück ich es runter und das Ventil zerreißt, explodiert vor meinem Gesicht zur gefleckten Zeichnung, punktiert über Hals und Mund bis über die Augen läuft die Fleckzeichnung ausgewilderter Farbenpracht im Zimmer auf und ab, ich starre ungläubig in den Spiegel, das eingeschwärzte Camouflage öffnet sich als Staunen und Mund weit offen dringt mitternächtliches Blattwerk ein, es blecken die Zähne durch Verunstaltungen dagegen an und dennoch eindringen, mich festbeißen als vollmundige Aufnahme der Fährten pigmentiert auf meinem Gesicht die Spur ins Innere gezogen westwärts nach innen aus dem Tal raus trag ich meine befleckte Haut. Als ob es mir aus dem Rachen wuchert wächst wird die schwarze Geruchskopie schwer und chemisch aufs Gesicht gelegt, es trieft aus dem Mund und als Schnitt durch die Gegenwart die Stille durchbrochen vom Fingerdruck aufs Cap, bis der Zeigefinger winters steif wird vor Kälte, vom eisigen Dosengehäuse und dann den letzten Farbrest mit dem Daumen rausgedrückt oder abgekratzt vom Körper. Aus dem Innern, aus Lungen Magen hole ich den einverleibten Geruch, in der Winterstille klapperndes Geräusch geschüttelter Spraydosen, um aus Farbwolken die Jugend herauszulesen als Mosaik, das sich langsam übern Larventräger zusammensetzt da im Gebüsch kristallisiert sich ein gewisses Lebensgefühl hervor, auf Geruch Geräusch basierend, etwa das allererste HipHop-Konzert in der nächst größeren Stadt oder noch ganz klischeeverblendet hinterm Dorfgasthaus Weed rauchen und danach mundtrocken in den Sparmarkt wanken, stehe kotzübel an der Kasse oder starr aus dem Tal westwärts nach innen gewandt den Stacheldraht ums Knie geschwungen und hinter mir zwei Bahnarbeiter, die ihre schweren Körper in meine vermutete Richtung wenden, versoffene Flüche ausstoßend irren gelbe Sicherheitsjacken durch nasskalt vermummte Wintermomente, ich klammer mich erneut an meinen Rucksack und laufe weiter, mit blutenden Schienbeinen und zerrissener Hose atemschwer hetzend und paranoid das Werken und Tun im Dickicht im Dunkeln feuchtes Mosaik auf Gesichtern tragend und durchnässt das Warten im Buschwerk, bis die Lichter in den Häusern ringsum verlöschen und dann los: hin zum Bahnwall, zu Tunnelmauern.

 

als Teil einer längeren Erzählung erschienen in: Lichtungen / # 122