von Martin Fritz / in: Schreibkraft #19
In Robert Prossers Erstling „Strom“ ist Sprache nicht nur, wie ein Vorbild zitiert wird, ein Virus aus dem All, sondern verflüssigt. Hier wird nicht einfach linear erzählt, sondern ein kurzgeschlossener (und doch, hier versagt die Metapher, elektrisierender) Textstrom erzeugt: Die letzten Worte des Gesamttextes setzen die ersten voraus und vice versa. Dieses Gestaltungsprinzip der verdichtenden Verknüpfung (sozusagen der Shortcuts) über erwartete Grenzen hinweg zieht sich durch die ganze Struktur des Buchs: Die Kapitel- und Abschnittseinteilungen werden gleichzeitig unterspült und überbrückt von fortlaufenden Sinn-Nebenläufen. Der Gedanken-, Wahrnehmungs- und Sprachstrom dieser lyrischen Prosa tritt sogar in den einzelnen Abschnitten über die Ufer der Syntax: Kursivierungen mäandern über die herkömmliche Interpunktion, ergeben sowohl mit dem Satzglied davor, wie auch mit jenem danach Sinn, höhlen stet die Prosa zum verzweigten, doch mitreißenden flow, bieten zudem Ankerplätze im wogenden Rhythmus, können aber teilweise auch für sich als Text im Text gelesen werden und verdichten so den Text noch stärker, sorgen also indirekt für Auftrieb. Es muss nicht jede Andeutung gleich beim ersten Lesen nachvollzogen werden, der Assoziationsstrom der ausufernden Prosa trägt den Lesefluss schon immer irgendwohin – wohin ist dabei letztlich gar nicht so wichtig, denn eine fertige, starre Geschichte soll hier nicht erzählt werden, sondern vielmehr die verästelte Vieldeutigkeit der Welt nachvollzogen.
Das mag kompliziert klingen und ist auch komplex, aber (man vergisst das leicht zu betonen, so selbstverständlich ist es nach der Lektüre) eben nie überfordernd. Es ist dies vielleicht die richtige Stelle, um einzuwerfen, wie wichtig die auditive Komponente für Prossers Schreiben ist. Wer eine von Robert Prossers Text-Performances gehört hat, wird den Sog, den diese Prosa im Vortrag entwickelt, ohnehin nicht mehr so leicht aus dem Ohr bekommen, aber auch ohne diese Erfahrung dürfte die Wirkung des rhythmisierte flow der Erzählung zuhause im Ohrensessel nicht fehl gehen.
Denn durch diese extrem reflektierte wie hoch artifizielle Erzählweise erzeugt „Strom“ den Eindruck größter Unmittelbarkeit (fast ist man versucht zu schreiben: „Authentizität“), man hört direkt eine nach Ausdruck ringende, aber erstaunlich sichere, eigenständige, so noch nicht gehörte Stimme, die vorbeirasende Eindrücke, Gefühle und Gedanken im Stakkato verarbeitet. Durchaus in der Tradition großer Direktheits-Blendmeister und Realness-Experten wie der Beat-Literatur, HipHop oder der österreichische Avantgarde- und Anti-Heimatroman-Tradition (n.b. wie verblüffend zwingend diese Kombination doch ist!) stellt „Strom“ die alte und doch so wichtige Frage neu, wie aus Leben Text zu machen sei.
„Strom“ beantwortet diese Frage durch die elegante Verschränkung dreier zeitlicher und thematischer Ebenen: eine Jugend im Tiroler Bergdorf, eine Adoleszenz in Großstadt und auf Weltreise und die Niederschrift zuhause. Paradoxerweise finden diese Gegensätze gerade durch die oben beschriebene gegenseitige Durchdringung und Verästelung der Einzeleindrücke zusammen, der „Fährtenleser durchs Notizbuch“ (S. 65) verirrt sich nicht.
Wollte man die inhaltlichen Aspekte in der Form einer Tag-Cloud anordnen, käme man wohl nicht um die Begriffe Reisen, Dorf, Wien, Graffiti, Sex, Drogen, Sprache sowie, schon etwas kleiner, Aerosol, Bahn, Raben, Gras, Asphalt, Großvater, Wespen und Synästhesie herum. Prosser verknüpft also, was für junge Leute ohnehin auf der Hand liegt (urbanes Stürmen und Drängen, körperliche Belange wie Musik, Drogen und Sex bzw. Intensität als solche), mit der Enge des Tals, des Katholizismus und der meta-literarischen Reflexion des Ich-Erzählers, der sich an der kohärenten Verschriftlichung dieser Kontraste abarbeitet, und dabei „im Taumel zwischen zwei Ebenen den Gleichgewichtssinn“ (S. 62) nie verliert, auch wenn die Musik gerade laut im Innenohr dröhnt. Heraus kommt eine eigene Sprache (Unmittelbarkeits-Illusion, wir erinnern uns), zu der viele Namen assoziierbar, doch die wenigsten Vergleiche wirklich treffend sind. Aber auf die Gefahr hin, dass das so ganz, ganz genau niemand versteht (die Prosser im Übrigen selbst wissentlich und willentlich eingeht), sei eine berühmte Spex'sche Analogie erlaubt: Rolf Dieter Brinkmann verhält sich zu Josef Winkler auf Acid in etwa wie William S. Burroughs auf Aerosol zu Robert Prosser. Mit anderen Worten: „Strom“ ist wie vier Grad kaltes Wasser – das größte spezifische Gewicht, doch immer noch flüssig.
von Roland Steiner / in: literaturhaus.at (Buch-Magazin)
Umherschweifen (Dérive) und Zweckentfremdung (Détournement) nannte die Situationistische Internationale ihre methodischen Grundsätze, ein umherschweifender Textproduzent ist auch Robert Prosser, dessen Buchdebüt hierfür ein beredtes Zeugnis ausstellt. Hier macht sich jemand mit vielfarbigen Spraydosen ans Werk, Wahrnehmungsflächen mit grellen Sinneseindrücken, luziden Beobachtungen und blitzartigen Erkenntnissen zu betexten und daraus ein Graffito seiner Psychogeographie zu schaffen. Die Adern dieses Geflechts nehmen ihren Ursprung in der Kindheit in einem Tiroler Alpendorf ("Bestiarium") und den Erinnerungen an den geliebten Großvater, durchlaufen die Pubertät zwischen den im Augustgras der Provinz verrauchten Sexphantasien und dem "Freiheitskonzentrat" der ersten Europareisen und mäandrieren schließlich durch eine Adoleszenz mit Anker in Wien und Tauen in China, Marokko und Syrien – eine Weltoffenheit ganz ohne altkluges Kosmopolitengehabe.
Doch zuerst einmal kehrt der Ich-Erzähler heim von einer solchen Reise, der leere Koffer hatte sich mit Sonderbarkeiten gefüllt, jetzt klettert er aus dem Schwebezustand "mitten hinein in Konstanten wie ein Kindheitszimmer". Als Angehöriger der letzten Generation, deren Großeltern den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, konfrontiert er sich mittels Fotos und Tagebüchern mit Kriegserzählungen und dem Sterben, spannt mit einer Winkler'schen Konnexlogik den Bogen von Trauerzügen im Tiroler Dorf zu den Prozessionen durch die Gangesebene und verbläst den Hauch der Vergänglichkeit erneut mit Reiseassoziationen.
Der Kindheitsglobus wird auch in den folgenden Kapiteln gedreht, die ewig höllische Provinz mit der schnell himmlischen Urbanität abgeglichen. Der 27-jährige Autor scheut sich nicht, das Leben schon jetzt als "Ansammlung kleiner Abschiede" zu (be-)zeichnen, wohl deshalb tagtäglich die Intensität des Augenblicks (in der Natur wie auf Hip-Hop-Clubbings) heraufzubeschwören und hierin auch Gottfried Benn und Ilse Aichinger zu paraphrasieren, besser: sie einzupassen ins eigene Textgewitter. Zwischen "Dorfecho" und "Weltmasse", "Heimwehwut" und Muezzinruf hat auch die Liebe ihren unsicheren Platz, gleichwohl sie in Andeutungen verbleibt oder sich im Pathos verfängt – die "nichtsnutzige Sprache zwischen deinen Beinen und Haaren" wird beschworen, doch der Nullpunkt scheint erreicht.
Häufiger und intensiver sind die Schilderungen von Reisebekanntschaften, Jugendlieben und Clubbing-Erotik unter Überwachungskameras, ständig werden die Emotionen rasant hochgetrieben und schnell verbraucht, um im nächsten Absatz wieder der tiefen Ernsthaftigkeit des Ich-Erzählers zu weichen, der gegen das "Ennui des 21. Jahrhunderts" anschreibt. Bereits als Zehnjähriger notiert er Detektivphantasien und führt Tagebuch, später wird ihm seine Mutter das ihrige anvertrauen. Voller Ambivalenz ist nicht nur diese Geste.
Linkspolitisch und von Bewusstsein ausdehnenden Substanzen bewegt, bereist der Erzähler Natur und Kulturen durchmessend die Kontinente, springt von den Wellenbrechern vor San Sebastian zum Souq von Damaskus, belächelt die Betrunkenen von Ulan Bator und entschwebt in Amsterdam dank getrockneter Pilze "in schenkelweich lachende Hysterie". Die Pilgerzeremonielle am Ganges weiß er ebenso betörend zu schildern, die "Gesteinslaken" der Taklamakan-Wüste verknüpft er mit der "Nabelschnur des Widerstands" in Tibet. Er entflammt sich am Unrecht diktatorischer und Traditionen auslöschender Regime im Nahen Osten und Nordafrika genauso wie an der Gleichgültigkeit gegenüber chinesischen Brandopfern, reibt sich am Stumpfsinn seiner konsumistischen Altersgenossen in Wien wie an der mangelnden Erinnerungskultur im Dorf. All diese in einen Strom eingemengten Erlebnisse, Kritiken, literarisierten Reportagen und Phantasmagorien breitet der Autor in einer Interpunktionsregeln aushebelnden, flackernden Stakkatosprache aus. Prosser – als Poetryslammer "Shin Fynx" ein rhythmischer Sprachbilderjongleur – ähnelt darin eher der Assoziationen collagierenden (Social) Beat- denn der Impressionen egalisierenden Popliteratur. Mit der Cut up -Technik begegnet er auch seiner Satzstruktur.
"Strom" ist ein dicht gewebter, elektrisierter Impressionsteppich, ein Logbuch des Umherschweifens, die (teils kursiv hervorgehobene) Zweckentfremdung fremdliterarischer wie medialer Partikel und geschickte Reorganisation bzw. Re-Implementierung in ein streng heutiges Globale Welt-Soziotop. Der Sogwirkung von Prossers ausufernder Prosa kann man nachgeben und hätte den schmalen "Strom" allzu schnell durchschwommen, der Eindruck dann gliche dem Leeregefühl nach einer selbst involvierten Performance oder einem halluzinogenen Rave. Doch Prossers stilistisch bewegliche Körperlichkeitssprache kann gerade auch zu einer sehr bedächtigen Rezeption mit der "Weisheit einer Lupe" zwingen, am Ende dieses Decodierens mit Lustgewinn steht man bewegt vor den "Gedankenbanlieus" eines großen Talents. Die Autorenprämie des Kulturministeriums für ein besonders gelungenes belletristisches Debüt 2009 war erst der Beginn.
von Kathrin Kuna / in: DUM #51
Wie oft bringen wir uns in Situationen, die wir neu und spannend finden, auf Dauer aber nicht leben können? Wie viel wollen wir uns zumuten? Wieso? Wo setzen wir unsere Grenzen? Wo werden uns Grenzen gesetzt? Welche Grenzen in uns müssen wir überschreiten, um Entscheidendes zu erreichen? Welche geografischen Grenzen helfen beim Überschreiten unserer eigenen? Wie können wir unsere Erinnerungen verwalten? Welche Erinnerungen behalten?
Das erste Kapitel trägt die Überschrift Tollwut. Es handelt sich um eine Form der Tollwut, gegen die bisher kein Impfstoff gefunden wurde - wie erleichternd! Der Ich-Erzähler ist von einer seiner Reisen zurückgekehrt und kämpft mit dem Ankommen. Oder man sollte vielleicht besser sagen: Er kämpft mit dem Zurückkehren. Anscheinend gibt es da auch noch eine Frau in seinem Leben. Ganz genau weiß man das aber nicht. Sie wird nicht greifbar. (Ist es nur eine Frau?) Es ist nicht völlig klar, ob sie nur mehr als Gespenst der Vergangenheit oder als reale, aber bis zu einem gewissen Grad unerreichbare Gestalt in seinem Leben vorhanden ist. (Ist sie, ist ihr Körper nur Projektionsfläche? Die Sehnsucht nach ihr scheint unbeschreiblich.) Zwar richtet der Ich-Erzähler Worte und Gedanken an sie, die Reaktion bleibt aber aus. Das Du antwortet nie.
Nur gestoßen, nie verjagt
Ausufernde Prosa. Dies ist nicht nur der Untertitel, sondern in der Tat die treffendste Beschreibung für den Erzählstil, den Robert Prosser in seinem Romandebüt verwendet. Erinnerungen verschwimmen mit logischen Gedanken, gehen über in emotionale Wellenbewegungen, die sich von einem Hauch Mystik an einen Strand tragen lassen - immer wieder an einen anderen, neuen Teil des Ufers. Es wird beschrieben, zitiert, erzählt, erläutert, mit Worten gezeichnet, mit Klängen gemalt, mit Ideen gespielt, paraphrasiert, formuliert, extrahiert, subjektiviert, selten objektiviert. Der Leser wird nicht mit erzwungenen Allgemeinheiten zu oberflächlicher Empathie verführt. Man wird durch zuweilen irritierende Bilder vor den Kopf gestoßen - wie erfrischend! - aber nie verjagt. Wir werden in eine andere Welt entführt. Die Welt des Ich-Erzählers, die Welt des Autors. Gedankengebäude gefüllt mit Erinnerungen aus der Kindheit im Tiroler Bergdorf und Erlebnissen der letzten Reisen werden mit Metaphern der Vergänglichkeit, angetrieben durch Wut und Liebe, ausgekehrt und durchgefegt, um den einzelnen Räumen danach mit fetten Pinselstrichen voll Lebendigkeit einen neuen Anstrich zu verpassen.
Die Ambivalenz als lebenstreibende Kraft wurde selten sprachlich und inhaltlich gleichermaßen vollkommen in einem deutschsprachigen Romandebüt der letzten Jahre dargestellt. Überwältigt von der Sprachgewalt und der Kraft der Erzählung könnte man sich zu pathetischen Äußerungen hinreißen lassen. Etwa: Robert Prosser kratzt an der Essenz unseres Daseins. Er rollt sein eigenes Leben und seine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem Erwachsenwerden, dem Verlassen und Verlassen-Werden literarisch vor uns auf. Er kennt seine Grenzen, er hat seine Möglichkeiten erkannt und nutzt sie bedingungslos. Nichts wirkt erzwungen, nichts klingt gekünstelt. Die Archetypen unserer Kultur scheinen seine besten Freunde zu sein. Die Ängste unseres Daseins sowie die pure Lust am Leben wechseln einander nicht ab, sie sind eins.
Mitmachen, mitschwimmen
Raben werden weiß gewaschen beim Regenguss, der das Begräbnis des Großvaters verhindert. Der Tod hat das schönste Gesicht, als er sich auf dem Großvater niederlässt, den man aus der Stube durch ein Trauernetz aus Weinen nach unten trägt. Die Bildhaftigkeit der Sprache, die Intensität der erzählten Momente, lassen uns das Schwarz von den Federn tropfen sehen und die tränenbefeuchteten Holztreppen im Bauernhaus riechen. Diesen Roman zu lesen ist ein Ganzkörpererlebnis. Ein Ereignis!
Prosser gibt eine kleine Einführung in seinen Kosmos, in den Lebensrhythmus seines Ich-Erzählers. Von Indien nach Marokko innerhalb von zwei Seiten - fast innerhalb eines einzigen Satzes. Die Interpunktion des Romans ist sowieso ein eigenes Kapitel. Es gibt Absätze, aber selten enden Sätze, wo ein Absatz aufhört - und demgemäß beginnen selten dort neue Sätze, wo ein neuer Absatz anfängt. Man soll sich nirgends anhalten können, man soll mitmachen, mitschwimmen - mitunter kann man sich auch treiben lassen. Kommt darauf an, wie trainiert man im Bereich der holistischen Lebenserfahrungen ist. Spätestens ab Seite 16 geht es ab! Wer den Autor von Lesebühnen oder Poetry Slams kennt, sieht seine leuchtenden Augen und hört ihn förmlich rufen: "Hey, auf, auf! Los geht's!"
Ende eines geregelten Lebens
Auf allen Sinnesebenen werden wir angesprochen. Der Leser wurde auf den ersten Seiten sensibilisiert, jetzt werden seine Reize überflutet, Sinneseindrücke sprachlich kombiniert:
Wespen im Zimmer [HÖREN] dorthin verirrt im Bannkreis des Baumes vorm Fenster [SEHEN], und der Duft des reifen Obstes [RIECHEN] füllt das Zimmer ebenso wie Erinnerungen an die letzte Reise [ERINNERN], einen kleinen Stachel Skorpionstachel noch im Fleisch [FÜHLEN], so fühlt es sich an während der ersten paar Tage inmitten der Familie und der Handvoll Jugendfreunde in Schweigen [HÖREN] gehüllt, vielleicht in ein warmes Grün [FÜHLEN / SEHEN], passend zum Sommer vorm Fenster und zu den Früchten, schon fast verfault [RIECHEN / SCHMECKEN]. Also Fallobst [SCHMECKEN / RIECHEN / HÖREN], Schweigen [HÖREN] und Warten mit großen Augen [SEHEN], da diese noch an der Fremde heften [ERINNERN], kleine Blutegelwunden [FÜHLEN] hinterlassen, und es ist erstaunlich, wie während dieser ersten Tage vor allem Einzelheiten Bedeutung erlangen, etwa die Lichtverhältnisse im Zimmer [SEHEN], auf Boden und Tisch, oder die kleine Gefahr eines Wespenflugs [SEHEN / HÖREN], als wär man in lochrunde pure Konzentration gefallen [FÜHLEN], schwarz [SEHEN], aber irgendwie glücklich nach all diesen Erlebnissen, (…)
Fazit: Auf! Auf, also! Rein in den Strom, rauf auf die Rabenschwingen, von schwarzgefiederten Seelenzuständen in Gedanken davontragen lassen, und immer volle Kraft voraus Richtung Ende eines geregelten Lebens.
von Helmuth Schönauer:
TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 1190
Strom
Strom, was für ein programmatischer Titel. Im Gebirge wird alles, was fließt, dazu verwendet, Strom zu erzeugen, in der Literatur fließt der Strom oft unterirdisch zwischen den Zeilen und zeigt sich an raren Stellen als Erzählstrom.
Robert Prosser verwendet beide Ströme, er setzt seine ausufernde Prosa einerseits unter Strom, andererseits lässt er dem Erzählfluss ungehemmt freien Lauf, bis er jeweils als sattes Breitband in ein Meer der Empfindung fließt.
Dabei wird der Strom-Text gespeist von einzelnen Erzählungen, die mit Tollwut, Augustgras, mythematique, Wespenstimme, klinisch blau, Inkubation, Fluchtfakten und Exit überschrieben sind. Diese Überschriften lassen sich vielleicht mit Zuständen vergleichen oder mit Inszenierungsanweisungen, wie sie in der Musik oft über die Noten geschrieben werden.
„Tollwut“ als Zustand, nicht als Krankheit, der Text selbst hat sich offensichtlich infiziert und fließt nun in Rage gebracht seinem Ende zu.
Im „Augustgras“ hingegen verstecken sich die Ereignisse der Saison vor der Entdeckung durch die Erinnerung. Diese Geschichte hat sogar eine vage Geographie der Handlung, im Dorf spielen zeitlos die Partikel der Kindheit herein, diverse unbenamte Personen machen mit sich selbst etwas aus und informieren einander in losen Zügen. Freilich ist oft der Friedhof das Ziel der Tagesüberlegungen, einerseits lässt sich darin alles bestatten, was bemerkenswert ist, andererseits liegt am Friedhof oft das Wesentliche des Dorfes auf Halde und will Nacht für Nacht erlöst werden.
„Mythematique“ versucht den Zustand zwischen Logik und Phantastik zu umreißen. Sätze legen völlig logisch los und erreichen dennoch nie den Punkt am Ende des Satzes, weil beispielsweise dazwischen die Schwerkraft aufgehoben worden ist.
„visuell überfordert flüchte ich vor dem allerletzten Monsunregen ins Innere der unzähligen Buchläden und wiederhole Gassenbewegungen, den verwinkelten Weg der Wasserbüffel, eingezwängt in altes Gemäuer ihre speicheltriefenden Münder und das dutzendfache Hörnerwetzen reibt schwankend am Yogituch.“ (55)
Für sich genommen kommen dem Leser die einzelnen Sequenzen völlig logisch vor, aber sie sind verändert, aufgedunsen vom Schwamm des Erzählens, die Koordinaten, Gattungen und Bilder haben sich während des Lesens verändert.
Als Leser sitzt man aufgeregt am Ufer des Prosser’schen Erzählstroms, es scheint im Oberlauf Hochwasser gegeben zu haben, denn es schwimmen die verrücktesten Dinge in diesem Strom. Es lässt sich nur schwer erzählen, was da alles vorbeischwimmt, Fakt ist, es handelt sich um einen gigantischen Strom. Und so bleibt einem als Leser oft nichts anders übrig als irgendwo hinzuzeigen und zu sagen: da, schau! Bei Robert Prosser nämlich gibt es gewaltig viel zum Schauen!