Leseprobe

Zum Ausgangspunkt

Aber noch häng ich fest, im Schwebezustand zwischen zwei Seiten setz ich den Fuß ins Polarlicht zwischen den Blättern Migration ins Ungewisse und leicht nervös ein Schwebezustand des Neubeginns, jener Untergänge die Untergänge vor sich her schleifen (I.Aichinger) die ich mir als Apokalypsen zurecht schleif, damit der Stachel mir ins Innere passt, die zugespitzte Motivation sitzt tief im Körper ein Schleifstein in Rodinpose und Funken Apokalypsenspäne erhellen das Schweben zwischen zwei Seiten rattert die Urerzählung vor sich hin: leicht entzündbares Unterholz, um den Raum zwischen Sol Invictus und Rastlosigkeit zu erhellen und Sonnenwind verbläst Satelliten, holt mir Südlichter bis hierher und nicht weiter reichen flackernde Untergänge unberührter Atmosphären. Mit einem leeren Koffer auf Reisen zu gehen kommt dem Ganzen wohl am nächsten, als schrittweise Annäherung und Versuch, möglichst viele Beweise der Sonderbarkeiten zu ergattern, da der persönliche Schöpfungsmythos sich zweigeschlechtlich zum Kindheitstal weitet, im März dem Schwebemonat legt ein wildgewordener Sommer sein Licht bereits und vorsichtshalber in den Wald / ein Sommerreservoir und Lager der Sonne während der Schneeschmelze, über Stamm und Boden ziehen sich die Narben vorauseilender Sommerexistenz und ich bin mir sicher, es lebt unter meinen Füssen wächst es bis in Eiszapfen, ihre Kälte setzt ins Wasserrauschen einen Trommelschlag / Endakkord und das Eis der letzten Monate hängt von Ästen ins Wasser Winterkonzentration gleitet in Glieder und alles ist ein Tabubruch, ist ein Hermaphrodit

 

… berühre das Tagebuch eines 10-jährigen, notierte Detektivphantasien und inmitten erster Anflüge der Pubertät ist mir das Handeln der Mutter im Gedächtnis geblieben, wie sie ihr eigenes Tagebuch aus der Schublade holt, eingebunden in rot weiß wenn mich nicht alles täuscht ist sie irgendwie stolz darauf, in ihrer Hand liegt ein Stück Heimat und Jugend und Liebe, sie befühlt ihr Leben Blatt für Blatt, ehe sie nach Tirol ins Tal einheiratet und fängt zu lächeln an in der Dunkelschraffur des Dachzimmers zeigt sie mir das Tagebuch, verlangt mir das Versprechen ab, es nie zu lesen meinetwegenwenn ich tot bin sagt sie und legt es ungeöffnet zurück, das geschriebene Mosaik einer Frau, das sie vielleicht deshalb aus der Schublade nimmt, um sich selbst im Anblick des heranwachsenden Sohnes die eigene Jugend noch mal hervorzuholen, ins rotweiß verstörte Licht zu stellen. Am Nordhang liegen ungemähte Wiesen und vor der Balkontür kreisen Wespen und Bienen übern kniehohen Gras was wohl drinnen steht

 

und verzeichnet wurde der Auslöser ihres wehmütigen Lächelns, eine ungemähte Wiese ein rotweißes Buch skizzieren mit schnellem StrichWespenstimmen Zungenstachel eine bisher unbekannte Sommergravur der Mutter, der Inhalt nähert sich möglicherweise ihrer Erzählung an, wie sie nach einem Besuch der Eltern die Tränen hinter einer großen schwarzen Sonnenbrille versteckt und so zum Bahnhof kommt, um mit ihren zwei kleinen Kindern einen Zug zurück in Richtung Tirol zu nehmen. Meine kleine Schwester und ich stehen in einer frühmorgendlichen Wartehalle neben dem Koffer, schüchtern eingezwängt zwischen Schülern und Beamten und unsere Mutter verweint die Augen versteckt tritt an den Schalter und dort sitzt ihre Jugendliebe, der Name liegt vermutlich verwahrt im Tagebuch und sie ist sich sicher, dass er sie erkannt hat durchs Schweigen, sein Blick bricht an einer schwarzen Sonnenbrille und kurz darauf fährt der Regionalzug nach Graz ein, fährt los mitsamt einer Frau Anfang dreißig und ihren zwei kleinen verschlafenen Kindern, wieder unterwegs zurück ins Tal zum gesichertem Tagesablauf. Auf die Wiesen vorm Haus zeichnet gelegentlicher Wind dunkle Böenschraffuren wie eine Jugendliebe kurz die Routine überschattet, dunkelgrüne Lebendigkeit freigibt und sich darüber kräuselt als kleiner Wirbel hinunter zu einem besonderem Lächeln, welches schnell wieder verjagt wird gleich den Wespen am Balkon. Vom gedeckten Tisch für einen Nachmittagskaffee werden im Spätsommer die letzten Überbleibsel des Wespenstaates angezogen, schwächliche Arbeiterinnen stürzen sich auf Süßes mit dünn braunen Flügeln filigran verdreckte Eisblumen / als ersten Hinweis auf den Winter lassen sich die Wespenpanzer lesen, welche mehr und mehr auf Holzdielen liegen als tickender Verlust der Windböen über kniehohem Gras nimmt mir meine Mutter ein Versprechen ab oder kehrt Wespenhülsen zusammen verdorrte Abenteuerkapseln / schwarzgelb stachelspitz verkommt das Fühlerstrecken manchmal punktgenau zum staunend betrachteten Panzer einer vergangenen Gefahr Todeszeitpunkt: wen interessiert das noch?

 

… hin zum Bahnwall zu Tunnelmauern trotz Overkills der Dosenbeobachte ich fluchend brachiales Heranrasen und in der Hand liegt nervöses Klappern, ich werfe die Dosen weg und mich zu Boden, drück das Gesicht neben Gleisen in faustgroße Steine, leg das eigene Schreien in ihr Rostbraun, da es sonst niemand hört im Rattern verliert es sich und eine Handbreit entfernt entfaltet ein EC aus Italien kommend seine ganze Durchschlagskraft auf morschem Schienenholz und dieser zusammengekauerte Mensch wäre also der Notenschlüssel, neben die Tonleiter gerutscht und nach Augenblicken, in welchen am Bahndamm nur Schreien ungestört verwuchert, stehe ich zitternd auf, blicke dem letzten Waggon nach, bis die morsche Klaviertastatur erneut stumm ausgebreitet liegt und auf den nächsten Virtuosen, dessen Zugstakkato wartet.

 

Noch ein Kind, steh ich im Stall und über mir dröhnt der schwere Schritt des Bauern, anhand des rieselnden Staubs lässt sich sein knarrender Weg verfolgen, in den Raum legt sich eine staubige Spur, durchzieht als Lichtschneise Stall und dunkelwarmen Dampf, aus Stroh und Scheiße entstanden und unantastbar reiht sich das Spalier zwischen den Stallungen des Viehs auf, von der Decke fällt es durch Spalten zwischen schwarzen Holzbalken zu Boden, darüber stampft der Bauer ein Donnergrollen und ähnlich und nicht zu greifen sind alle Gerüchte, die im Dorf kursieren und parasitär den Glauben befallen wisst´s noch damals als kurz nach dem Krieg und vor einem Sommergewitter zwei Gemeindearbeiter unter einem Wegkreuz ruhten. Während sie etwas aßen sah derjenige, welcher zur rechten Hand des Gekreuzigten saß, hoch und blickte auf die geschlossenen Augen der Jesusfigur, er lachte auf, reichte sein Jausenbrot nach oben und sprach, hinauf zu geschlossenen Lidern und darüber ein metallener Dornenkranz dass Jesus doch nur zugreifen brauche, er sei doch sicher hungrig nach so langer Zeit am Kreuz und der Gemeindearbeiter lachte darüber, dass sein Heiland aufgrund der Nägel nicht runter greifen könne, sonder fest hänge im Leiden im Dorfzentrum und ein paar Monate später gebar die Frau des Gemeindearbeiters ein Mädchen, dem der rechte Unterarm fehlte anstelle eines Armes einen Dornenkranz zur Prothese geflochten und alles vermischt sich zum Dorftheater und Kinder tuscheln über die Plastikhand einer alten Frau, welche soeben vorbeigeht.

 

Atemgeräusch purer Lebenslust bis hin zum erschöpften Ausblick, auf über 5600 Metern warten Peepshows am Scheitelpunkt der Lungenbläschen, denn entkleide dich in Herzkammern doch mal bis aufs letzte Knochenrauschen / atemnotwendige Stripshows als Schrittmacher verwendet, denn nichts spricht dich aus, einzig in Jurten wird aus einem Blätterhaufen rezitiert, der Großvater des Nomadenklans liest aus Milarepas einhunderttausend Gesängen und in Gesichtsfurchen tantrisches Lächeln zur Abwehr eines Schneesturmes knistert aus einem kleinen Transistorradio als Einbruch ins Skelettgefüge die Ansprache des Dalai Lamas und eine amerikanische Punkband fordert zuvor Free Tibet / nur der Form halber spannen sich zwischen diesen Wortschollen auf Gebirgspässen Gebetsfahnen und helfen, das Gedächtnis nicht zu verlieren, damit es nicht ausbricht als neue Form eines Lungenödems ausgeworfener Schaum und ich knie vor Gesteinshaufen, versuche, diese zu decodieren, enträtsel die Überreste Hufen Hörner ein Kinderschuh vor verlassenen Häusern ausgestreut, in Gruben zurückgelassen und benenne einen Yakschädel als animalische Hülle, um Augenhöhlen struppiges Fell und Sandkörner verfangen sich darin zur Maskerade, im absurden Maskenzug Gebirgswüsten auf geradem Weg durchkreuzt ein Irrgang kerzengerade den Flüchen hinterher übers Hochplateau.