brüchige Existenzen

Zum Ausgangspunkt

Quelle: der Standard, 13. November 2009

ein leichtes Staubflirren, zwischen Tür und vergitterter Fensterfront ausgebreitet blitzt es im Lampenlicht und schnell die braunen Vorhänge zugezogen, Blicke in den Innenhof abgewandt auf einem der beiden schmalen Betten sitzend will ich mich abschirmen vorm mahlenden zähen Menschenstrom des Bahnhofareals, und allem, dem Vorplatz samt wartenden Familien oder den Rezeptionisten einen Stock tiefer, wohnt ein taxierender Blick inne, mich kaum versteckt prüfend zwischen die Augen genommen, beginnend mit der Ankunft in Urumqi, nach über 30stündiger Busfahrt müde hier ankommend durch beißenden Rauch improvisierter Öfen taumelnd, vielmehr Eisentröge und auf dem Rost zerrinnt das Fett zu schwarzkrustigem Shish-Kepab. Folge dem Bahnhofstreiben hoch in das mehrstöckige Hotel, dessen Empfangshalle voller chinesischer Touristen schon den Schneespitzenblick im Norden Xinjiangs verspricht, ein Naturereignis zur Verschönerung der Rentenzeit, doch im Hauptstadtinneren fängt das Staubflirren mir Neonschriften als Lautverschiebung ein, die dünnen Wände verwehren nichts den Eintritt und ich sitze da, eine Flasche Pflaumenwein in den Händen als Feier der Ankunft, als picksüße Demonstration der Zufriedenheit. Bin in einer beinah möglichen Einsamkeit zur Ruhe gekommen, während ganz Urumqi zu zerbröckeln scheint, schwindend gewundene Wege führen durch Schuttbehausungen der Uighuren, wie eingemauert in den Seitenhängen der Highways, bis zum anscheinend einen Angelpunkt imaginierenden Stadtzentrum eine chinesische Geschäftsidee nicht mehr als hinter jedem Fensterloch und Hausverfall ein Schmiedefeuer samt Finsterblick, da auch am Bahnhofsplatz der Schritt durch graue Hausfassaden in dampfend schwüle Essenshallen führt, Märkte voller Ramsch und gebratener Tauben fallen bergab, winden sich entlang schmaler überfüllter Wege, und unter allen zerbrochenen Oberflächen flieht im Neonfluß eine raue Lebendigkeit so denke ich

nur noch in Sommern, selbst in diesem, da ich mich nicht recht raus traue, zwar den Bus nach Tashkurgan, an die pakistanischen Grenze, nehme, mich im Straßenverlauf verliere, und tiefer in die westlichen Ausläufer des Himalayas vordringe, aber hinter der Fensterscheibe bleibe, geschützt vom Glas den roten Fels betrachte, und wie sich Steinadern schwarz hindurch graben. Bis allem steinernem Wachstum der Berg Muztag Aga entragt bewahrt sich die Tradition im alltäglichem Leben der Bewohner, während am Feldrand, in den Ecken der hingeduckten Häuser, die Lautsprecher an grauen Masten hoch wachsen zur lose verkabelten Beschwörung der Kinder, im für ein paar Kilometer sich öffnendem Tal Parolen aus Beijing in ihr Heranwachsen transportiert, Lieder werden mit neuem Text versehen staatskonform am Abend abgespielt, ein sonderbares Ende der Geschichte vom Banditenreich, die Opfer des Blood Valleys entlang der Seidenstraße verkommen zur Touristenattraktion, und in Gebirgsdörfern gehen Liedmelodien Schafsgeblökke verräterisch zu Werke knarzige Trojaner

unwirkliche Kuckuckskinder plärren aus Lautsprechern einen Kampf gegen die Tradition, Männer auf Kamelen oder Pferden tragen die Sensen geschultert und im fernen Beijing wird versucht, alles Liedgut zu vereinnahmen, zu finden und verändert zurückzubringen, offenbar liegt allein im Text die Identität, die, der Legenden beraubt, entkernt ausgelöscht werden soll. Verbleibe im Inneren der Transportmöglichkeiten, bis es endlich die eigenen Füße sind, die mich fortbewegen, im Schritttempo eigene Lieder kreieren in diesen rauen kalten Abenden inmitten abweisend dürren Gestrüpps, fein zermahlenes Gestein der grauen Ebene und misstrauische Blicke der Einheimischen sind Spinnen -feind und -selig werfen Schatten Wolkgetürme diesem rauen Nichts vor, als Erschöpfung und nackte Schönheit, über kratzenden Laken in staubigen Zimmer ausgebreitet als Fraß für die paar Hunde und Ziegen, alles starrt vor lauter Widerwillen und dennoch gefangen von jedem einzelnen Schattverlauf nur deshalb besitzen Kinder bereits Gesichter alter Menschen Felsmasken übern Körper eines Achtjährigen Scharaden und Sekundenschlaf während der Busfahrten schrecke ich immer wieder kurz auf und unter den fallenden Lidern mischen sich Halbwahrheiten mit der vorbeiziehenden Landschaft, klappernd öffnet sich die Bustür, ich stolper raus

in die schwelende Lebendigkeit, Sammelsurium aus: Stille Vogelschwärmen und Kinderschreien durch Sand und Müll Taxifahrten, vorbei an Flüchtlingen, ihren zugespitzten Dolchenden, um scharf poliert das blanke Metall an Audiokassetten anzusetzen. Dringe ein ins musikalische Vermächtnis, an dutzenden Ecken hundertfach verkauft und ein alter Rekorder dient dem Probehören, schmerzend dröhnt es durch Geschrei und Hitze staubige Lautwolken und für ein zwei Fahrten transportieren die Kassetten Gitarrenmelodien und Gesänge, seit jeher tradiert unterwegs durch Wüstenflächen Oasenromantik, mit einer Dolchspitze spule ich das Band zurück, ein letzter Versuch, die Musik zu bewahren, etwa an Moscheenecken, wo knapp über alten Männern Vögel ihrem Lachen entsteigen lebendig weißer Ellipsenflug als abblätternd grüner Fahlschein der Dächer, dem altgewordenen Gold der Monddreckszacken entgegen als Aufbäumen Davonfliegen vor Abrißtätigkeiten, Schaufel und Spitzhacken klingen im Takt der Moderne das chinesische Aufpolieren der Seidenstraße herbei. Im ersten Stock eines Hochhauses versuchen sich Jugendliche ähnlich vogelverwandt an Lebendigkeit, auf der Tanzfläche spreizen sie die Arme und drehen sich im Kreis,  als Tradition für billigen Techno adaptiert dreht sich der klatschende Volkstanz kreiselnd übers Parkett und Jubel fliegt auf, kommt aus den Boxen abwechselnd ein Volkslied heran kommt die Vergangenheit / auf den Dj ein Hoch bis zum Fall kurz nach Mitternacht, die Treppen runter hinaus auf die Straße, und hinter verschlossenen Diskotüren: im Lichtzucken einer Nebelmaschinerie technoid ungelenk verwahrte Gegenwart.

Womit ich erneut in Urumqi ankomme, dem Epizentrum versuchter Moderne, im Hotel am Bahnhof, und die Rezeptionistin führt mich hoch in den ersten Stock, zum vormaligen Zimmer, wir treten ein und ein Mann liegt auf dem Bett, zwei Frauen dagegen sitzen am Boden und blicken abwesend durchs Fenstergitter, ein kurzes Gespräch zwischen Mann und Rezeptionistin folgt und die drei verlassen den Raum, wechseln in eines der nebenan liegenden Hotelzimmer. Nach und nach dringt durch dünne Wände Schluchzen und Weinen, ich trete auf den Flur und dort steht eine der beiden Frauen, sie weint, heult tatsächlich Rotz und Wasser, als Bittstellerin wie es scheint an der offenen Tür an das Mitleid dreier Männer appellierend, jener von vorhin sitzt in der Mitte und studiert einige Dokumente, ein andrer geht auf und ab und grübelt vor sich hin, während ein dritter Mann am Fenster steht im Zigarettenrauch eine sonderbare Stille, unterlegt vom Weinen, wie sie heulend am Gang kauert gehe ich ihr entgegen, bemerke im Zimmer noch die andere Frau, erneut hockt sie auf dem Boden von keinem der Beteiligten beachtet

komme ich aus der Zimmerflucht zum Rundgang, samt Toiletten und Blick hinunter auf die Empfangshalle, und dort, am Geländer, kauert eine Greisin, durch die Balustradenstangen schaut sie hinab auf die Rezeption, aufs  Wechselspiel der Touristen und selbst kann sie sich kaum bewegen, denn mit Handschellen wurde sie ans Geländer gefesselt. Ihre Hände ragen wie in Bethaltung hinaus in die von Stimmen der Ankunft und Abreise erhitzte Luft, in ihrer sitzend absurden Hilflosigkeit macht sie den Eindruck eines Kleinkindes, zurückgelassen und vergessen während in meinem Rücken zwei andre Frauen weinen oder nachdenklich zu Boden blicken und drei Männer, die billige chinesische Zigaretten rauchen, ebenso stark und kratzend wie kurz, dabei gehen und lesen und grübeln. Ich trete an die alte Frau heran, betrachte mir ungläubig die Handschellen und ihr freundliches Lachen, welches sich gar nicht mit ihrer Situation deckt, irgendwie mit Händen und Füssen sprechend will ich ihr anbieten, Essen und Wasser zu holen, doch grinsend wehrt sie ab, nickt und zwinkert mir freundlich zu, sie scheint recht zufrieden mit ihrem Sitzplatz und dem Blick auf die Hotelhalle zu sein, zu der ich hinunterlaufe, eine der beiden jungen Rezeptionistinnen darauf aufmerksam mache, hoch deute zur alten Frau und wie sie dort oben durchs Geländer lacht, während im staubig vollgerotzten Gang dahinter, in den Zimmern mit dünnen Wänden und vergitterten Fensterfronten, geheult und gelesen wird, doch auch die Hotelangestellte beginnt zu lachen, eine abfällige Handbewegung soll mich beruhigen, es scheint weder absurd noch bemerkenswert zu sein, vielmehr nicht der Rede wert und ich trete hinaus, laufe übern Bahnhofsplatz durch Menschenmassen zu einem gegenüberliegenden Supermarkt, an dessen rechter Seite verdreckte Stufen in ein großflächiges Internetcafe führen, und eile mit Wasser samt Kuchen zurück ins Hotel, mein erster Blick führt hoch zur Balustrade, doch dort sitzt keine alte Frau mehr, wie auch die Zimmerstür verschlossen ist und selbst dort dahinter: kein Laut, welche Seltenheit.

 

Tashkurgan, Urumqi (Xinjiang Province, bzw. Ostturkestan, China) - (vermutlich) August 2006