farblich denken (poetologisch versucht)

Zum Ausgangspunkt

eine Beschreibung zu finden für die eigene Herangehensweise und schon jetzt dran scheitern, denn nichts soll beschrieben werden, vielmehr soll Sprache sich aufdrängen, Eingang erzwingen, wobei sich eine derartige Auffassung des Schreibens an Erfahrungen orientiert, die nach intensiver Graffititätigkeit blieben: da wie dort dreht sich alles um Farbe und Komposition, beiderseits das stundenlange, den eigenen Stil suchende, im besten Falle freizeichnende, konzentrierte Skizzenanfertigen, hoffnungslos verloren in allen Schattierungen und Überläufen. Und vor allem eins verinnerlicht: die nahezu nihilistische Einstellung der Außenwelt gegenüber, man macht das Bild und haut ab - was dann damit geschieht, spielt keine Rolle, wichtig ist nur die nächste Aktion, das nächste Abenteuer. Dieser Ansatz trägt eine unglaubliche Freiheit in sich, und vielleicht kennzeichnet dies das eigene Schreiben: Freiheit finden. Da ich im Graffiti dran scheiterte, unbefriedigt blieb, wandte ich mich dem Schreiben zu; ein Uferwechseln, doch der Fluss bleibt derselbe. Vermochte ich es malend nicht, eine eigene Sprache zu kreieren, so will ich es schreibend versuchen, denn, so glaube ich, bin ich im Besitz eines eigenen Stiles, einer eigenen Farbwelt, so kann ich mich überall hinwagen, Lust und Neugier ausleben. Zugleich will ich mir die Kompromisslosigkeit bewahren, welche Graffiti auszeichnet, irgendwo zwischen Fuck you all und Do it yourself angesiedelt, selbstverständlich

 hat darin die Person des Lesers keinen Platz, es würde mir nie in den Sinn kommen, jemandem eine angenehme Lektüre bescheren zu wollen, da allein der Drang, eine eigene Sprache zu finden, keinen Raum lässt für mehr als Text und Autor. Letztlich bin ich nur dem beschriebenen Blatt verpflichtet, und sich über etwas anderes, etwa der Reaktion von Seiten des Lesers, Gedanken zu machen, ist sinnlos, würde ich mich doch als Dienstleister empfinden und dem eigenen Schaffen kämen vermutlich Leidenschaft, Lust und Neugier abhanden, besonders da das Schreiben für mich ein sehr körperlicher Akt ist, nackt und ehrlich, zu gleichen Teilen Spiellust und Disziplin erfordert, oder, um es mit Reinhardt Jirgl zu schreiben: „beim Vögeln erzählt sich auch niemand Witze“, aber zu Lachen gibts viel, so

 eingelebt in einer eigenen Weltanschauung (die mir manchmal, aufgrund aller irrationaler Beweggründe, richtig verkitscht erscheint, da) richtet sich alles nur nach Gefühl und Farbe, und es braucht einen Wegweiser: Musikalität, denn wenn ich nur in der Sprache bleibe, dann kann es zu vibrieren und zu summen beginnen, bis es richtig zittert und pulst – wie die nervöse, leicht fiebrige Aktion des Schreibens an sich, da man weiß, irgendetwas, ein bestimmter Moment in der Vergangenheit oder ein besonderes Gefühl, lässt sich bald einfangen und verschriftlicht erbeuten. Als Äquivalent zur Bewegung, egal ob Stadthektik oder Gebirgsbach, ergibt sich als kleinster gemeinsamer Nenner eine eigene Rhythmik, die sich aufspüren lässt: der innere Antrieb als Musik, geschrieben

 macht gerade das jene Literatur interessant, welche sich gemeinhin unter den der Lyrik zugesprochenen Merkmalen vermitteln lässt: die Möglichkeit, die Gegenwart zu beleben und ihr entweder den innewohnenden Rhythmus zu entlocken, bzw. den persönlichen einzuschreiben. Dies sticht mir besonders dann ins Aug, wenn ich zurück nach Tirol komme, das dortige Gebirge ist mir zum Rückzugsareal geworden, erscheint als blankes, naturgesättigtes Jetzt – eine Art Pheromonpinata, vollgepumpt mit Lockstoffen und mit jedem Besuch liegts an mir, etwas rauszukriegen, ans Schreibmaterial von Fels Bach und Wald ranzukommen, wobei besonders dem Wasser eine unglaubliche Faszination innewohnt, denn derart kompromisslos vielstimmig und einnehmend zu schreiben ist: kaum vorstellbar, da

Orte unerheblich sind, höchstens hinderlich werden, wenn ich schon zu lange an einem Platz bin und mich dieser deshalb zu nerven beginnt, dann wirkt die Fluchtbewegung inspirierend, bedeutsam wie die Aktion des Schreibens, bzw. die allererste Phase: das Schreiben mit der Hand in ein Notizbuch, dieses Umblättern Durchstreichen usf., also das Heranwachsen eines Textes, ist etwas unglaublich lebendiges, und versichert hoffentlich, nie – schon gar nicht in der Sprache – eine Art Heimat zu finden. Der Rest des Prozesses, das Ausbessern Abtippen, ist wie der Ort: notwendig, aber nicht erstrangig, denn letztlich ist es immer der Blick des Aussenseiters, atme mich irgendwo am Rand entlang und dran vorbei, ähnlich wie nächtens auf einem Bahnhofsgelände zu stehen, zwischen Waggons, und außer Spraydosen nichts dabei, ganz auf mich allein gestellt nur mir selbst verpflichtet, die Möglichkeit kompromissloser Aktion liegt in der eigenen Hand, im individuellen Verlagen und alles andere: nebensächlich

ist es nach wie vor ein fast pathologisch kühler Blick, aus Gestrüpp hervor auf menschenverlassenes Zugmetall gerichtet, im Gefühl, das farblich buchstabierte Chaos weitertragen zu können, und dieses Bewusstsein umfasst auch das Wissen, dass alle vorangegangenen Lobgesänge auf die beschwörende Kraft der Sprache nichts weiter sind als Ruhestands-Verschaukelungen, ein Etikettenschwindel ähnlich dem Stempel „junger Literatur“, dass nur der Drang zu gehen etwas zählt, vor allem: rauszugehen bedeutet, ein jedesmal die Aufbruchstimme neu zu finden, ohne Sicht aufs Ufer.

 erschienen in: Ostragehege #56, Dresden (Dezember 2009)