Rauschfantastendestillat

Zum Ausgangspunkt

(Anmerkung: erschienen in Quart #17, als Teil der "linken Seite", ein Projekt, wofür sich die Innsbrucker Lesebühne Text ohne Reiter (Markus Koschuh, Stefan Abermann, Martin Fritz und ich) der Original-Beiträge angenommen hat, die auf den rechten Seiten der Ausgabe zu lesen sind. Alle fettgedruckten Wortpassagen wurden aus dem Ausgangstext rausgepickt, um dazwischen, davor und drumherum eine neue Geschichte, Phantasie, wtf zu schreiben. RAUSCHFANTASTENDESTILLAT ist meine Bearbeitung von "Der Orgelbauer von Tirol", eine Reportage über die Herkunft des Hörbiger-Clans aus der Wildschönau, von Krista Hauser.)

der berühmtverrufene Krautingerschnaps stinkt wie Wild, zur Tirolromantik passend vom Wilderer waidwund geschossen den enthörnten Kadaver liegen gelassen, dh ein Stamperl reicht, aber die Welt zog ein ins Hochtal per Dekret Maria Theresias, ein besonderes Brandrecht für die fast verhungert armen Bauern, denn immerhin ließen sich daraufhin Alpleiden im Suff vergessen, vergessen wir, dass dieses historische Recht mit der Aktenzahl V7233II am 05. Oktober 1942 vom Reichsministerium für Finanzen in Berlin beglaubigt wurde, sodaß es heut als (Krautingerbrennerzitat:) milde Touristengabe einer Genussregion der Stoppelrüben dient. Aus dem Volksmund kommt es rausgespuckt erneut daher als: Soachruam, so trieft es nahe an die Wahrheit ran, weil es vom Magen elementar wieder hoch will, verständnislos lallt, dass gerade dieses Rübendestillat, bei dem der Dorfstolz exakt ins Kraut schießt, an Hotelbartresen einiges wert ist, von heimischen Äckern nehmen Tradition und Heimatverbundenheit seltsame Wege, pochen auf: Buchenholz und Kupferkessel als einzig adäquate Brennutensilien dieser Rübenmaische. Selbst die Musik stürzt bei der Krautingerwoche Anfang Oktober betrunken ineinander, kracht, bringt Unwetter, nur der Schatzberg dämmert eh und je dahin, stumm hätt er trotzdem viel zu zeigen, weist darauf hin, dass ein übergroßes Herz heran gewachsen ist, ein bewundernswertes Sauforgan, in dessen Schatten eine Seele baumelt. Das Tal destilliert sich dem Trinker zuliebe, damit ein vormals kleines Herz aufgeht, damit möglichst viel drin Platz hat flaschenweise Rausch gesät, und gerne springt man darauf an, es wuchert, bläht: zwei Finger breit entfernt von all den Vermutungen, Flüchen, rankt ein efeuartiges Pumpwerk Puls durch einen Körper, wird fettes, gieriges Schmatzen, dass alles einverleibend harrt. Denn selbst wenn dem Saufen abgeschworen wird, bleibt das Herz doch angeschwollen gedoppelt vom Echo, fast ein Doppelliter des billigsten Fusels passt da rein, geraten Maische, Kopf und Weg durcheinander, blüht in seltsamen Taumeltanz das Kraut im Leib wieder auf, wiederkäuend blitzartig, wie die Welteislehre dem Hanns Hörbiger in den Sinn kam, als er eines Nachts durchs Fernrohr den Himmel zuoberst der Wildschönau betrachtete und was ist denn die Nacht über dem Hochtal dem leicht angeeisten Autodidakten anderes als:

 

Schnee der auf verwesende Rüben fällt, die ledrigen Blätter verschließen sich zur Blödheit, die dem Tal durch Schnaufen, Spucken eigen wird, während über ihm schwarz die Trinkersonne überläuft, Seiten wechselnd rüber springt, splitternd zu Wald wird, zu Hütten und Aussicht, die dem vielversprechend weichem Leuchten folgen, bis endlich Nacht sich dem Hanns erbarmt, die Legende spricht laut Wikipedia von Eingebung und Intuition, zwei Nächte lang den Mond betrachtet und schon surrt der Geist vom Blitz, es ist ein Funkeln und damit: die Nacht entzweit, aufgetrennt Einschau halten, jeden Gedanken, jede Idiotie darin rausgeholt, neugedacht erneut gegangen, diese Gallensteine aus dem Talleib, die ihm gegen die Brust poltern, denn hat das Land hier ihn auch nicht vernichtet, so hat es doch durch Lawinen, die im Schlaf Abgang in ihn suchen, ihren Tribut gefunden, hat ihm Muren in den Kopf als Zungen ihrer Selbst gelegt, ein nasses, kaltes Stammeln in Echo übersteigert hochgekommen. Hanns Hörbiger späht also durchs Teleskop, und bekommt durchs Guckloch die Erkenntnis eingetrichtert, dass der Mond aus Eis besteht, weil sich nur dadurch dessen Helligkeit erklären ließe, und etwas später, in einer weiteren Nacht samt Beobachtung und gewappnetem Hirn, die Blitze abzufangen, sah er später im Traum sich selbst schwebend im All, ein schwingendes Pendel betrachtend, dessen Silber vermutlich aufglänzt durch ewigkaltem Sternenglanz, der in diesen Sphären waltet, und dieses Pendel, wie es immer größer wird, zerbricht natürlich mit lautem Knall, der die ansonsten schweigenden, eher an das zufriedene Atmen eines in der Wiege liegenden Säuglings erinnernden Bewegungsabläufe der Allweiten aufschreckt, damit selbst dem entferntesten, sich gerade aus Gasen schälenden Sternsystem ein andres, besonderes Licht aufgeht. Nur die Silberstückchen des Pendels sausen dahin und fort in die hintersten Weltraumwinkel, übrig bleibt Zerstörung und die Gewissheit, dass sich Newton geirrt habe, weil hier draußen, wo die Wahrheit liegen muss, Sonnengravitation kraftlos ist. Derart traumgedeutet sich selbst bestätigt entwickelte Hörbiger die Welteistheorie, der zufolge Schöpfung das konsequente Ergebnis des immerwährenden, seit jeher andauernden, bis in alle Ewigkeiten Erde und Äther verheerenden Kampfes zwischen Rüben und Mägen, nein zwischen Feuer und Eis wäre.

 

So sind die äußeren Planeten unsres hausgemachten Systemes Neptoden genannte Wasserballungen, von Eis kilometerdick umschlossen, während die inneren, als Helioden bezeichnete Himmelskörper in erster Linie aus Metall bestehen, zu ganz am Anfang aber drang es eisig kalt in die übergroße Sonnenmutter, in ihr Inneres aus Hitze und Feuer stürmte gradewegs, als wärs ein Wildschönauer Schütze nach der Osterprozession, wenn er vor Marketenderinnenbäuchen den Krautinger schwappen zu hören glaubt, ja ungefähr so lässt es sich verbildlichen, wie nämlich damals, zu Anbeginn einer Möglichkeit von Zeit, ein Eisriese in die Sonnenmutter stürzte, um den daraufhin ausgebrochenen Kampf zu beginnen. Aber zurück zu beschichteten Planeten: die Erde wiederum, von welcher aus Hörbiger neugierig das All nach seinen innersten Geheimnissen ausspioniert, liegt an strategisch idealer Mittelposition, und ist weder vom Feineis, das sich über den Metallkörpern der Helioden bildet, noch antipodisch vom Eispanzer bedeckt. Der Mond dagegen und seine fünf Vorgänger bestehen zur Gänze aus Eis und stürzen regelmäßig, die Sintflut auslösend, oder aber auch Atlantis kaltblütig versenkend, auf die Erde herab, diese wird jedoch nicht klüger, sondern fängt sich kurz danach als weiteren Versuch oder zum Aufwärmen alter Liebschaften einen neuen ein, wobei sich Hörbiger nicht klar war, ob dieser Mond nun eher als Abschnittspartner oder vielmehr als eine Art von Virus anzusehen wäre.

 

Solcherweise nordische Mythologien der Götterdämmerung wie auch die Apokalypse des Johannes erklärend, widerfuhr dem als halsstarrig – und derart das gleichfalls seit langer Zeit bestehende Klischee des Tirolers mit eingeschränktem Blickfeld bestätigend – verschrieenen Hörbiger trotz Unterstützung eines Hobbyastronomen und Lehrers und dem 1913 gemeinsam veröffentlichten Hauptwerk „Glazial-Kosmogonie“ vorerst nur Ablehnung. Bevor nun der Spur eines andren Streitsuchenden im benachbarten Alpbach gefolgt wird, verbleiben wir noch etwas bei der weiteren Wirkung dieses dem Tiroler Charakter entsprechend störrisch unlesbaren 800 Seiten Textes, denn insbesondere durch Science-Fiction-Romane blieb die Welteislehre im Gedächtnis, führte beinah zu umstürzlerischen Versuchen, die klassische Astronomie abzuschaffen, um dann besonders von Heinrich Himmler als eine maßgebliche wissenschaftliche Lehre im Nationalsozialismus verankert zu werden – ob dies allerdings Einfluß auf die wohlwollende Anerkennung des Rübenbrennrechtes der Wildschönauer von Seiten des Reichsministeriums in Berlin hatte, ist nicht überliefert. Den Nazischergen sagten die Hörbiger-Spinnereien auch aufgrund der dadurch gewonnenen Bestätigung rassistischer Mythen zu, denen zufolge die Arier in der nördlichen Eisbleiche eine Hochkultur errichteten: das aus der Antike nach Deutschland transportierte, völkisch-blödsinnige, braun-versaute Thule, Atlantis verwandt. (Anmerkung in andrer Sache: das tatsächliche, geografisch verortenbare Thule liegt im Nordwesten Grönlands, eine Gegend, die aufgrund ihres relativen Reichtums an Jagdwild für die dort lebenden Inuit von großer Bedeutung wäre, wenn nicht die USA dort ab 1952 im Zuge des – wie passend – Kalten Krieges eine Militärbasis errichtet hätte. Diese ist nach wie vor in Betrieb, bildet eine Art Enklave der Vereinigten Staaten und ist sowohl die größte, als auch die am nördlichsten gelegene Satellitenbodenstation der Air Force, deren Raketenfrühwarnsystem große Teile der nördlichen Hemisphäre abdeckt. Die Inuit wurden 1953 ins 108km weiter südlich gelegene Qaanaaq zwangsumgesiedelt, fern der Jagdgründe, die nun für Sendemasten und Kasernen verwendet werden, und denen zudem eine latent atomare Bedrohung innewohnt. So gab es ein als „Iceworm“ betiteltes Projekt, um im gefrorenen Boden Abschussrampen für Atomraketen zu installieren, jedoch erst nach Bohrung und Errichtung wurde man sich der Bewegung des Eises bewusst, die die Kanäle samt Waffen zerdrückte, verschüttete, und auf die ewige Wanderung mitnahm. Nach wie vor ist unklar, bzw. wird verschwiegen, welche Gebiete verstrahlt sind, die Todesfälle aufgrund von Krebserkrankungen unter Inuit gingen aber seit den 1950ern im Umkreis der Thule Air Base signifikant in die Höhe, sie erleben also einen schleichenden, dennoch ihre Grundlagen von Tradition und Heimat ohne Rücksicht oder Möglichkeit zur Gegenwehr vernichtenden Untergang.)

 

Nun allerdings wechseln wir übern Schatzberg zwischen Tälern, denn im März 2010 lernte ich den schnauzbärtigen, ehemals unter anderem als Metallschleifer tätig gewesenen, mit Gitarre und filterlosen Karo-Zigaretten Tiroler-Lieder jodelnd vortragenden Dichter Walter Gröner kennen und schätzen, welcher mich darauf aufmerksam machte, dass in Alpbach für rund 10 Jahre ein gewisser Arthur Koestler gelebt hatte, Schriftsteller und Journalist, sowie, nach Gefangenschaft in einer Todeszelle des Franco-Regimes während des Spanischen Bürgerkrieges, einer der bedeutsamsten Renegaten der Kommunistischen Partei. Vorweg sei festgehalten, dass sich in Alpbach sonderbarerweise ein illustres Grüppchen an lebenden wie verstorbenen Persönlichkeiten eingefunden hat, deren Existenz innerhalb der eingesessenen Dorfgemeinschaft ein verschwiegenes Wissen bildet. Dieses rührt vor allem vom Unverständnis für Lebensentwürfe a la Vivienne Westwood her, die in einer Berghütte mitsamt Zillertaler Ehemann (der zur Belustigung der weiblichen Dorfbewohner gerne eine Art von Schottenrock trägt) ihre Sommer verbringt. Um die untergründige Prominentendichte weiter zu veranschaulichen, sei noch auf das Grab von Erwin Schrödinger hingewiesen, worauf neben Blumen, Kerzen, und einer am Kreuz angebrachten Tafel samt die Quantenmechanik begründender Gleichung doch tatsächlich eine rundliche Holzkatze sitzt, als letzter, verniedlichter Gruß in einem Ort, der sich selbst gern als Dorf-der-Dichter-und-Denker preist, obwohl sich kaum jemand Gedanken um Schrödingers imaginiertes Haustier macht, sehr zum Glück dieser besonderen Katze, bleibt sie so doch in ihrer unschuldigen Schwebe, diesem Weißraum, der die Vorstellung von Schnee evoziert, zwar kommt dieser in immer geringerer Menge Hotelbauten, Schirmbars und Stauverkehr ankurbelnd herab, aber nichts wird hinterfragt, die Box bleibt zu, blindlings im Klimagestöber zwischen Sterben und Verdienst. Davon könnte auch Johannes Heesters noch ein, zwei Lieder singen, wohnte er doch einige Jahre an der Landesstraße in Inneralpbach, und machte nur einmal auf sich aufmerksam, als er nämlich die Holztreppe im Holzhäuschen runter fiel und sich einen Knochenbruch zuzog, woraufhin er der Polizei eine Straßensperre, der Rettung ein Großaufgebot und der Bildzeitung einen Artikel wert war, aber vorerst genug vom Dorftratsch, zurück zu Arthur Koestler.

 

Mir zunächst unbekannt entpuppt sich dieser als Intellektueller, dessen Biografie alle Register eines von Selbstzweifeln, Not und ständigem Kampf geprägten Lebens zieht, das Romane, Reportagen, Tagebücher und eine Fülle an Kritik, Streit und Selbstreflexion hervorbrachte. Hoch anzurechnen ist ihm die schonungslose Kritik an der Kommunistischen Partei, von der er sich nach sieben Jahren 1938 loslöste, um ihre Mechanismen wie Säuberungsaktionen und Denunzierungen zu entlarven. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges schreibt er gegen Zeit und persönlichem Schicksal an, wird als Journalist und vermeintlicher Spion nicht nur in spanischen Todeszellen, aus der ihn erst ein Gefangenenaustausch rettet, sondern auch in Frankreich und in England interniert, um sich später in Paris, vermutlich aufgrund einer Affäre mit Simone de Beauvoir, mit Sartre zu zerstreiten. Es bleibt verwunderlich, dass sich Koestler daraufhin ausgerechnet in Alpbach ansiedelte, dort mit seiner dritten Ehefrau sogar ein Haus baute, welches nach wie vor den Namen „Schreiberhäusl“ trägt, nunmehr aber im Besitz der Familie Molden ist. Fritz und Otto Molden, die mit Simon Moser das Europäische Forum Alpbach gegründet, und im Widerstand gegen das NS-Regime gekämpft hatten, waren Bekannte Koestlers, der nach einigem Nachfragen unter älteren Dorfbewohnern nach wie vor einen zweifelhaften Ruf als dem Schnaps zugeneigter, raufsüchtiger Einzelgänger genießt. Es lässt sich beispielsweise ein alter Mann aufspüren, der in den 1960ern als Schulwart arbeitete, und Koestler ertappte, wie er Nachts im Vollrausch durchs Kellerfenster einbrechen wollte, aber in der eingeschlagenen Scheibe stecken blieb. Der Schulwart befreite ihn, der vordem eingezwängte streitbare Autor wurde aber vom Schnaps derart aufgestachelt, dass er sich mit dem nüchternen Nothelfer prügeln wollte, wofür er ein paar Watschen kassierte und sodann besoffen und geschlagen vor der Volksschule liegen blieb.

 

Koestlers Autobiografien Frühe Empörung und Abschaum der Erde können aber vermitteln, mit wieviel Zorn und Willen hier ein Getriebener am Werk war, der letztlich an Alkohol und eignem Unvermögen scheiterte, Zeit seines Lebens von Angstattacken gepeinigt sich immer wieder hochkämpfte, neuorientierte und kompromisslos weitermachte, ohne einer Parteilinie anzugehören, nach einem Jahrzehnt von Alpbach weg nach London zog, und dort 1983, schwerkrank und in Funktion als Vizepräsident der Freitod-Organisation EXIT, in beiderseitigem Einverständnis mit Gift seine Frau, die zwei Hunden und schließlich sich selbst umbrachte. Er haderte mit der Gleichgültigkeit und der Langeweile einer Gesellschaft, die uns heute schon derart ins Blut gegangen ist, dass wir, um es mit einer Tagebuchnotiz von Max Frisch zu schreiben, nicht einmal bemerken, wie sehr diese unsre Gesellschaft zwar am laufenden Band Tod produziert, aber nicht mehr dazu fähig ist, diesen zu transzendieren, weshalb unsre Gegenwärtigkeit absolut ist, dh wir leben „die Augenblicklichkeit unserer Existenz als Leere vor dem Tod“, einer Leere, die, unentschieden wie Schrödingers Katze, bei Widerstand Depression und Niedergang wie im Falle Koestlers hervorrufen kann, und sich in der Wildschönau, im Zillertal und in all dem von Liftanlagen gleichgemachtem Après-Ski Gedudel andrer Berggegenden als vom Tourismus zubetonierte, einplanierte Sinnlosigkeit zeigt, in der Krautinger den Urlaubern schmackhaft gemacht wird, und das Europäische Forum Alpbach zu einer Werbeveranstaltung für Wirtschafts-Studenten verkommt, die als hübsch zurechtgemachtes Gegenteil streitbarer Intellektueller im Laufe eines Alpen-Ballermanns in breitwillig hingehaltene Dozentenärsche kriechen, während Politiker und Wissenschaftler an den Dorfbewohnern vorbei paradieren, als Farce, die sich aus gegenseitigem Desinteresse speist, denn egal ob beim Stanglwirt in Kitzbühel oder im Congress Centrum Alpbach: es geht nur ums altbekannte Sehen-und-Gesehen-werden.

 

Aber von Bergiselwänden tönt es, dass die ursprüngliche Klangfarbe der Tiroler das Aufbegehren, der Widerstand sei, Tirol ist per definitionem der Land gewordene Charakter Andreas Hofers - dieser Streit zwischen Legende und Tatsachen, wo findet er sich sonst noch, wenn nicht im Schnaps, jawohl! Die gesamten Täler in den Kessel hauen, langsam hoch zur aus Stückchen verkauften Lebens als gärend Essenz zurechtgemachte trübe Mischung erhitzen, die langsam köchelnd brodelt, Dampf los durch Rohre schickt. Da aufgestiegene Wolken nun von Idolen erzählen, so wird ein heiliger Geist ausgeschüttet, ins Land geworfen schwirrt er zittrig auf, denn dieses brennend prozentige Talwasser, das unsre Haut als Ufer braucht, ist ein hochgeistiges Getränk, welches Ideen, Bilder gibt, und dieses eine Extrakt nach mehrmaligem Durchlauf wäre dann die Erlösung, hoffentlich. Erst nach einigen Gläsern wacht Begeisterung in uns auf, dreht Kapriolenknoten in die Zunge, Lust führt Schmäh in Münder als speichelvolles Aufbegehren, wir sind feuchtes Begeistern, das den Grad des Betrunkenseins, die Reichweite, in welcher Taumel ausschlagen wird, bereits am Geschmack der Zigaretten erkennt. Wenn sie uns ein lästig trockenes Gefühl nach Rauch hinterlegen, das sich auch nach mehrmaligen Schlucken nicht verjagen lässt, probiert einer, der sich vollberauscht kaum mehr am Sessel halten kann, aufzustehen, wankt, fällt mit Stuhl und Glas zu Boden, wird von Rausch und Zimmerhitze glatt ex umgekippt, und schnaubend, tränzend liegt er da, windet sich, kommt irgendwie erneut auf die Knie, und mit diesem Schnapsschwamm, der einmal seine Zunge war, schreit er, grölt Flüche, die nur er versteht, und liegt er irgendwann schlafend im Eck, dann wissen wir, dass es nichts erbärmlicheres gibt als diese festgefahren ins Torkeln geratenen Besoffenen, die hin und her wanken, links rechts am Mund vorbei das Glas kombinieren und es dennoch schaffen, anzusetzen, gierig daraus saufen, sich fast verschlucken unter einem ewig gleichem Himmel: ist alles nebensächlich, hinterm Dorf findet routinierter Zwang Versteck, macht uns den ganzen Rest zu Leere, hinter allem: kein Halt, kein Grund zum Kämpfen, nur Scharaden, die im besten Fall ein Gefühl von Gemeinschaft vermitteln vermögen, uns Welt und Leben vorspielen, tatsächlich Vorspiel sind.

 

Die Suffszenerie verlassen, dafür ein Aufbruch ins Zentrum dieser Historie, die nicht mit faszinierenden Fakten geizt: die Verbindung zu Hörbiger ist in Gedanken schnell gezogen, vergegenwärtigen wir uns, dass Koestler 1959 Die Nachtwandler publizierte, worin er allerdings nicht auf entlang eisglatter Wahnparketten durch alpine Dunkelheiten schlitternde Traumtänzer wie den Hanns Bezug nahm, sondern sich astronomisch interessiert mit dem Wechsel der Weltvorstellung vom Geo- zum Heliozentrischem beschäftigte, und ein starkes Faszinosum (in Anbetracht der Tatsache, dass zuvor durch die Wirkung des Schnapses von der Wirkung des selbigen auf den menschlichen Körper geschrieben wurde, der in der Tätigkeit des Trinkens dazu neigt, sich in ein alles verschlingendes Loch zu verwandeln, das sich eingepasst in die Haut als darin verborgenes Nichts mit allem in greifbarer Nähe liquid Existierendem zuschüttet, und eine konzentrierte Macht entwickelt, eine Art von ewigem, stillem Durst, der kaum Strahlkraft besitzt, sondern ein asoziales Wesen erschafft, worin wir, um im Feld der Astronomie zu verbleiben, die Merkmale eines Weißen Zwerges bestätigt finden. Interessanterweise spricht man in Alpbach von einem starken Säufer, dh von einem großen Trinker vor dem Herrn, als von einer Person, die eine weiße Leber besitzt, so trifft die Volksmedizin exakt ins Schneegestöber, um das Loch, die Leere, den Durst zu verorten. Um nun das “Faszinosum” nicht zu verlieren, da es zur Thematik dieser Elegie vom, über und aus dem Unterland passt, möchte ich nun auf ein Wort hinweisen, dass mir neulich im Roman Infinite Jest untergekommen ist, und mir seither, weiß der Fischreiher warum, nicht mehr aus dem Sinn geht: Vomitivum. Anders dagegen die Babylonier, die dem Mond, dem unsäglichen Ideengeber des Hörbiger Hanns, das Hirn zuordneten, aber das ist nur eine Fußnote, nicht mehr, daher sei diese Organ-Himmel-Connection innerhalb der Klammer abschließend gezogen) zu Beginn der Wortklammer war also zu lesen, dass Koestler ein starkes Faszinosum (das vorangegangene Wort mit seinerseits seltsamer Anziehungskraft - Vomitivum – ruft vorwiegend Bilder von sowohl männlichen als auch weiblichen Barflies hervor, die sich an Tresen klammernd damit brüsten, in ihrem bisherigen Leben mehr Alkohol verschüttet zu haben, als man selber jemals trinken wird) in der Parapsychologie entdeckte.

Dieses Interesse entstammte Internetquellen zufolge einem mystischen Moment in der Todeszelle in Malaga, als er inmitten der Abführung von Regimegegner vor die Erschießungskommandos Euklids Beweis der Existenz unendlich vieler Primzahlen bestätigt sah - in Ein spanisches Testament, worin diese Zeit in ständiger Angst vor dem eignen Tod durchs Salvenfeuer aufgearbeitet wird, konnte ich allerdings bis zum Augenblick des Abtippens keinen Beleg dafür finden. Sämtliche Ersparnisse, die nach dem Freitod des Ehepaares übrig geblieben waren, wurden in die Errichtung eines Lehrstuhls für Parapsychologie an der University of Edinburgh investiert, Koestlers Büste als Ehrerweisung und Erinnerung jedoch aus der Aula entfernt, als sich die Beweise verdichteten, er könnte die Frau eines Bekannten vergewaltigt haben; in einigen Biografien finden sich zudem Belege, das diese nicht sein einziges Opfer war. Koestler zeigte Frauen gegenüber ein aggressives Verhalten, und bereits kurz nach dem Gifttod wurde sein Ruf selbst im eignen Freundeskreis dadurch ramponiert, seine Frau Cynthia, die nur durch und für ihn lebte, nicht davon abgehalten zu haben, mit ihm gemeinsam das Sterben zu wählen, obwohl sie über 20 Jahre jünger und gesund war. Ein Auszug aus Koestlers hinterlassener Nachricht lautet: To whom it may concern. The purpose of this note is to make it unmistakably clear that I intend to commit suicide by taking an overdose of drugs without the knowledge or aid of any other person... Trying to commit suicide is a gamble the outcome of which will be known to the gambler only if the attempt fails, but not if it succeeds... Cynthias eigene Worte fügte sie dem Abschiedsbrief ihres Mannes am Ende an: I fear both death and the act of dying that lies ahead of us. I should have liked to finish my account of working for Arthur – a story which began when our paths happened to cross in 1949. However, I cannot live without Arthur, despite certain inner resources. Double suicide has never appealed to me, but now Arthur's incurable diseases have reached a stage where there is nothing else to do. Das macht nun beinah fraglos: ist soviel Liebe nicht schon Abhängigkeit, und soviel Zumutung nicht diktatorisch, aber damit öffnen wir eine neue Schachtel, und die Katze darin kippt tot zur Seite, also weiter Richtung Osten: im Februar dieses Jahres reiste ich über Land nach Syrien, zwei Wochen, bevor in Deraa (in jener Stadt also, wo Thomas Edward Lawrence of Arabia angeblich aufgrund des Andrangs eines arabischen Offiziers das einzige homoerotische Erlebnis seines an Abenteuern nicht armen Lebens hatte) die Demonstrationen begannen, denen von Seiten des Sicherheitsapparates mit Härte und der Bereitschaft zu Töten begegnet wurde, womit sich Präsident Bashar al-Assad als kleinere Version seines Vaters Hafiz bestätigt, der, um Unruhen zu unterbinden, 1982 ein Bombardement über Hama brachte, in dem an die 30.000 Zivilisten starben. An der Grenze zum Irak verblasst der Tourismusglanz Palmyras, und offenbart ein ehrliches Bild der Wüste: Ölraffinerien, Erdgasanlagen, und zwischen Fabriken in Zelten hausende Beduinen, die an den Wochenenden zum Markt in die größeren Städte wie Der-Es-Zur kommen, jedoch eine schweigsame Distanz zum andren Bevölkerungsteil wahren. Dort findet sich ein blankgeputzter und aufgerichteter Kampfjet als Denkmal und Demonstration syrischer Einheit und Armeestärke; zwei Stunden mit einem Kleinbus unterwegs in Richtung Südwesten, in der Grenzstadt Abu Kamal, steht dieselbe Jetversion, nur verdreckt und ohne Spitze, wie überhaupt die ganze Gegend zu verrosten und zu verfallen scheint. Trotzdem handeln die Polizisten pflichtbewusst, nehmen im Verhör lächelnd und Tee offerierend Daten auf, und lassen den Aufenthalt von zwei Spitzeln auf einem Motorrad begleiten, die immer einige Meter hinterher leise knatternd dem Spaziergang folgen. Während dieser Tage, als Mubarak gerade ins Exil nach Sharm-el-Scheik auswich, wo ihn bereits die zuvor für Interviews am Pool plantschenden, größtenteils dickbäuchigen europäischen Touristen auf Pensionsurlaub erwarteten, wurde über Al-Jazeera das Geschehen in der arabischen Welt mit großem Interesse verfolgt, Fragen nach der Situation in Syrien riefen aber immer drei gleichbleibende Reaktionen hervor: Daumen hoch, lächeln, Tee nachschenken. Doch was Koestler über den Machtapparat der KP schrieb, findet seine Bestätigung auch in den Regimes der arabischen Welt, deren Luftschloßlogik nun widerlegt wird: Irgendwo mußte ein Fehler in dieser Rechnung stecken; die Gleichung ging nicht auf.

 

ERRATUM: eine weiße Leber bedeutet in Alpbach nicht, dass übermäßiger Durst vom Organbesitzer Besitz ergreift, sondern dass vielmehr ein unstillbares sexuelles Verlangen dort im Innern lodert. Ich bitte um Entschuldigung für diesen Fehler im Zuge der Recherche.