Redaktion Podium #165/166 (Herbst 2012)

 

 

Thema: Brandreden
Redaktion: Robert Prosser

 

 

 

INHALTSVERZEICHNIS

Thomas Ballhausen: Das System Mordred
Peter Waugh: Independence Now o Gedichte
Serafettin Yildiz: Die zerschellten Gedanken
Dorothea Schafranek: Temelin … bald ist alles hin
Cornelia Hülmbauer: ludens
Armin Baumgartner: Rede an die österreichische Nation
Sören Heim: téchne. melancholia o Gedichte
Sara Holzer: Ein Revolutionär zieht sich zurück
Gerhard Ruiss: zeitbombenerzeugung o Gedichte
Christoph Szalay: Invitation to the funeral …
Elisabeth R. Hager: Ida zieht vorbei o Gedichte
Florian Neuner: Standpunkte. Keine Brandrede
Harald Darer: GegenReden
Ernesto Castillo: Ortloser Grund o Gedichte
Gerald Jatzek: Das Spiel, ein Leben
Judith Nika Pfeifer: blaulichtung o Gedichte
Janko Ferk: Kärntner Slowene. Eine Ansprache
Philipp Hager: Holz o Gedichte
Sarah Katharina Kayß: Ich bin Deutschland
Valerie Katrin G. Fritsch: J’accuse
Wolfgang Kühn: nochwuchshoffnung o Gedichte
Roland Steiner: Tanz dich moralisch
Clemens Schittko: Der nullte Kaddish o Gedichte
Regina Hilber: geständnis an die eitelkeit der vorstellungskraft
Thomas Havlik: Am radikalsten von Allen
Hahnrei Wolf Käfer: WundBrandRedeFluss
Christine Schramm: Anonymus
Melamar: stell dir vor
Bülent Kacan: Freiheiten
Karin Seidner: Grenzgänge
Johannes Witek: Eines für Anna o Gedicht
Theodora Bauer: Ich schieße auf Sonne
Thomas Northoff: Nein Eleven
Markus Köhle: Mein Brand. Meine Rede
Helmut Neundlinger: freind, i nenn di “mog di ned”
Armand Kurtz: Tunnel
Peter Friedrich: 13. Jahresbericht des Ministeriums für gesellschaftliche Klassifizierung
Kyrill Sohm: Jürgen macht den Führerschein
Waltraud Seidlhofer: boote das fliehen der raum

alois-vogel-literaturpreis

Barbara Neuwirth: Alois-Vogel-Literaturpreis
Carolina Schutti: Eulen fliegen lautlos

nachrufe

Richard Weihs: Franz Hütterer (1954-2012)
Peter Paul Wiplinger: Zivorad Mitrasinovic (1955-2012)

rezensionen

von Hans Bäck, Armin Baumgartner, Helwig Brunner, Karin Ivancsics, Gabriele Kögl, Beatrix Kramlovsky, Rudolf Kraus, Julia Lajta-Novak, Annemarie Moser, Barbara Neuwirth, Joseph Strelka, Monika Vasik, Richard Wall

Editiorial (Robert Prosser):

Die aktuelle Ausgabe des Podium erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem sich unter sämtlichen Widerstandsbewegungen, die das letzte Jahr gekennzeichnet und Anstoß für Überlegungen zur Kompatibilität von Kunst und Revolte geliefert haben, eine negative Bilanz ziehen ließe. Occupy Wallstreet, mehr oder minder Ausgangspunkt aktueller Proteste im westlichen Kulturraum, feierte im September den ersten Jahrestag und verdeutlichte in Anbetracht von Polizeipräsenz und fehlenden modifizierten Denkansätzen, wie wenig vom Esprit der Anfangszeit geblieben ist. Der Aufmarsch der Massen verendete in den Straßen, ohne in Regierungsebenen und/oder Finanzdistrikte vorgedrungen zu sein und die angefochtenen Umstände zu erschüttern. Die Protestmärsche von Tel Aviv bis Madrid werden, wie das Aufbegehren der 99%, perfider Systemlogik entsprechend vermarktet und als Konsumgut integraler Teil der eigentlich zu bekämpfenden Ordnung. In Österreich zeigt sich dieses Phänomen, wenn mit dem Tod einer Bewegung deren zu Trends portionierten Dämonen Einzug in Alltagskultur und Kulturbetrieb halten, beispielsweise daran, dass das Wiener Tanzquartier mit jetziger Saison den Widerstand als Programm für sich entdeckt. Hat man das Eintrittsgeld, darf beim Basteln einer guten Welt mitgemacht, bzw. zugeschaut werden. So weit, so vorhersehbar. In etwas anderer Version hat man diese Geschichte schon einige Male gehört. Der Literatur kann dergleichen egal, bzw. Stoff sein; zwar bildet das Zeitgeschehen der Riots, Proteste und Frühlingserwachen einen passenden Rahmen für Unterfangen wie dem vorliegenden, aber ihm zugrunde liegt die Ansicht, dass ein schreibend erdachtes, kritisches Bewusstsein nie fehl am Platz ist, gleichgültig, wie dringend die Revolutionen der Straße gerade sind. (Wird dies ernst genommen, so ist jedes literarische Schreiben ein politischer Akt unterschiedlicher Schärfegrade).

Die Notwendigkeit kritischen Denkens wurde mir im Februar dieses Jahres bewusst, als ich einige Zeit im Umfeld des Londoner Occupy-Bewegung verbrachte, kurz, bevor das Zeltlager an den Stufen der St. Pauls Cathedral aufgelöst wurde. Wie der Name verrät, handelte es sich bei dieser Protestversion zeitgenössisch westlicher Prägung vordergründig um eine Sache der Besetzung und damit des Ortes. In seiner Tragweite war Occupy aber weder der Zucotti-Park, noch der Innsbrucker Boznerplatz oder das Areal vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, sondern verortete sich gleichsam überall anders, im Netz ebenso wie in der Londoner City, vereint unterm Emblem der Guy Fawkes Maske. Diese ist weiterhin nicht nur die vage lächelnde, stilisierte Erinnerung an einen Attentäter, der, wie man es in der Novembernacht des alljährlichen Bonfires erzählt, als einziger Mensch das englische Parlament, bzw. dessen Keller, jemals mit ehrlichen Absichten (und mehr als zwei Tonnen Schwarzpulver) betreten hat, sondern auch ein popkulturelles Element schlechthin, eine Marke, an der der Warner Bros. Konzern die Rechte hält. Occupy lässt sich daher weniger in der Maske, als vielmehr in einem andren Erkennungszeichen verorten, nämlich im Zelt, als Symbol des Nomaden, von Bedeutung im Sinne der Reise, nicht des Ortes. Durch Besetzung wurde kein genauer Platz deklariert, sondern der fortwährenden Suche nach Alternativen ein Körper verschafft, auf den Punkt gebracht in einem Slogan, der mir in London öfters unterkam: It’s not who we are, it’s what we want. Das Nachdenken über meine Person, mein Verhältnis in und zur Welt geschieht in der größtmöglichen Tiefe durch das eigene Schreiben. Erst durchs Schreiben kristallisiert sich heraus, was ich will – wobei sowohl Inhalt als auch formale und stilistische Merkmale der dichterischen Sprache als Bekenntnis zur Selbstbestimmung, bzw. Individualität taugen.

Festzuhalten ist, dass das Thema „Brandreden“ für eine Autorin, einen Autor nicht ungefährlich ist. Es gilt, nicht ins Klischeehafte abzugleiten, bzw. den Balanceakt zwischen Ironie und Plattitüden zu halten. Es gilt, die Tagespolitik ernst zu nehmen und distanziert zu betrachten. Über die Gegenwart nachzudenken und die eigne Sprache dran anzusetzen. Ich denke, dass jede ambitionierte literarische Bestandsaufnahme unsrer Gegenwart als Kritik taugt. Ich denke auch, dass man als schreibender Mensch in keinster Weise zum Sprachrohr der Gesellschaft berufen ist, wie man auch nicht zu sämtlichen zeitgenössischen Geschehnissen eine Meinung haben muss, bzw. kann. Es geht nicht um den mahnenden Finger oder die Resignation in Anbetracht der stoßseufzend vorgebrachten Meinung, dass sich alles genaugenommen nichts bringe. Natürlich wäre es überheblich zu behaupten, Literatur könne gesellschaftliche Veränderungen erzwingen. Literatur kann aber die Gegenwart aufgreifen, daraus Facetten, Stimmen, Momente lösen und einen Flucht- oder Schweberaum erschaffen. Persönlich bin ich überzeugt, dass der Akt des Schreibens mehr Revolutionspotential besitzt als ungezählte Nächte in Occupy-Zeltlagern. Im Schreiben zweifle ich an der Gegenwart, fliehe vor ihr, erschaffe sie mir selbst, in einer eignen Sprache, in deren Rhythmen, Vokabularien und Phantasien. Dadurch bleibe ich unangepasst und kann mir ein kleines bisschen Individualität bewahren, egal, wie gläsern der Käfig Europa noch werden wird. Die Protestbewegungen der letzten Monaten haben gezeigt, dass dem Einzelnen trotz postdemokratischer Verhältnisse Wege des Widerstandes zur Auswahl stehen. Diese Wahl kann eine Entscheidung zur Literatur sein. Irgendwo muss die unbestimmte Utopie, die viele von uns umtreibt, schließlich gespeichert werden.