GeisterundTattoos.jpgRoman. Klever Verlag, September 2013

Einfach stark. Und absolut wahrhaft – bis zum Schmerz. Als ob der Autor sein bisheriges Leben dort, innerhalb des ewigen transkaukasischen Krieges, verbracht hat. Und nicht zuallerletzt – sehr hinreißend. Große menschliche Leidenschaft, die ganz ohne Pathos spürbar wird. Jurij Andruchowytsch

Geister und Tattoos führt in die Wälder des armenischen Kaukasus. Eine abgelegene Siedlung wagt es, ungeachtet ihrer vom Krieg geprägten Vergangenheit, in archaischer Freiheit zu leben. In der Einsamkeit wächst eine Gemeinschaft heran, die von Vertrauen und Lügen gleichermaßen geeint wird.

Tätowierungen besitzen hier magische Kräfte und als Flucht vor der Erinnerung nützt man Rausch und Ekstase. Inmitten von Fels, Legenden, rotfelligen Wölfen und Geheimnissen kämpfen ehemalige Milizsoldaten um ein wenig Glück. Die Romanhandlung begleitet einen davon quer durch die Zeiten vom Ende der UdSSR bis nach Berg-Karabach. Zum Verlag

Pressestimmen

Klaus Zeyringer in Literatur und Kritk (Nr. 479/480, November 2013): “… ein packender, sprachmächtiger Roman über eine hierzulande kaum bekannte Welt (…) eine ebenso kunstvolle wie wuchtige Erzählung, wie der Mensch dem Menschen und sich selbst zum Wolf werden kann.”

Anne Hahn auf Weltexpress International: “…Prosser schreibt gnadenlos, wirft den Leser brutal in die verknappte Handlung, lässt ihn Blut und Schnee schmecken, den Wolfsbiss und die Nadel… Fazit: ein posttraumatischer Alptraum, schonungslos, abgründig, poetisch, großartig!”

Monika Koncz auf fixpoetry.com: “Robert Prosser hat mit Geister und Tattoos einen bemerkenswerten Roman geschrieben. Über einen Konfliktherd, über Menschen aus einem Teil der Welt, der im deutschsprachigen Raum literarisch noch kaum erschlossen ist. Zugleich hat er aber auch eine zeit- und ortlose Geschichte darüber geschrieben, was Menschen zu Tieren und was sie wiederum zu Menschen macht.”

Simon Leitner im Buchmagazin/literaturhaus.at: Geister und Tattoos ”…zeigt, wie Menschen trotz widrigster Umstände versuchen, ein menschenwürdiges Leben im gebeutelten Kaukasus zu führen, und nicht zuletzt deshalb ist es nicht nur ein sprachlich äußerst versierter und großartig komponierter, sondern auch ein hochpolitischer Roman.”

Ö1-Bericht:

.Auszug

Nach wahren Begebenheiten*

*Dieses Buch entstand aufgrund zweier Reisen, die mich 2008 und 2011 nach Armenien und Berg-Karabach führten. Ich hoffe, dass mir in den Recherchen – besonders jenen, die den Karabach-Krieg betreffen – keine Fehler unterlaufen sind; da ein literarisches Werk in erster Linie der Fiktion verpflichtet ist, erscheint mir zudem der Hinweis notwendig, dass vorliegender Roman darin keine Ausnahme bildet. Manche Geschehnisse wurden dem Kaukasus willentlich angedichtet und besitzen ihre Inspirationsquelle an gänzlich anderen Orten. Dies mag dadurch gerechtfertigt sein, als folgende Geschichte von Sehnsüchten, Konflikten und Verlusten handelt, die auch abseits Armeniens umtreiben.

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AUS : TEIL I | UNTER WÖLFEN

(Prolog) Unzugängliches Gebirge bietet Platz für Menschen, die ihre Heilmittel selbst destillieren, von Stein und Fusel verrückt gemacht der Vergangenheit nachgeistern. Vor vierzehn Jahren endete der Krieg um Berg-Karabach. Vom Kampf gegen die Armee Aserbaijans blieben zerstörte Dörfer und Städte, darunter vergraben geduldige Minen. Eine Milizeinheit beschloss, im armenischen Norden einen Neuanfang zu wagen. Ein Kochen und Tröpfeln, Lodern und Rinnen brachten sie mit sich, einen tiefdringenden, sich einnistenden Durst, ausgebleichte Tätowierungen und Narben notdürftig versorgter Wunden.

(Stille) Noch ehe das Messer an einen ausgewählten Hals gesetzt wird, wittern die Hunde bereits die Entscheidung. Unruhig warten sie vorm Stallverschlag und deuten die Handbewegung des Mannes, der vom Wald her auf die Siedlung zu schlendert. Einige am Holz kratzende Köter greift er ans Messer und beschließt, für diesen Abend eine Ziege zu schlachten. Nach dem Essen werden Knochen und Fleischreste dem versteckten Jaulen, durch welches die Nächte lebendig bleiben, hingeworfen. Als Teil der Stamm um Stamm erweiterten Dunkelheit zeichnet sich die Silhouette eines Menschen im Türrahmen vom erhellten Inneren der Hütte ab. Am Tisch schiebt man das benützte Geschirr an den Rand und beginnt ein Kartenspiel.

Nachlässig streichelt Arman die vom linken Augenwinkel zum Kinn verlaufende Narbe, hell unter grauen Bartstoppeln versteckt. Stephan fallen die Karten aus der Hand, er flucht leise und als er schweigend das Blatt ordnet, greift ihm Mari in die Haare und schüttelt spöttisch seinen massigen Kopf. Arman lacht über das Getue der beiden, knochige Schultern zucken, und zitternd flackern Schatten zwischen einer Frau und einem Mädchen, die in Streifen geschnittenes Ziegenfleisch als Ration für kommende Abende über eine nahe dem Ofen gespannte Schnur hängen. Sie reden leise genug miteinander, um vom Besuch nicht verstanden zu werden. Gähnend massiert sich Mari den Nacken, Akim, mit 35 jüngster und zugleich fähigster Schnapsbrenner der Gemeinschaft, zupft eine Karte und hält mit einem Mal inne. Er schielt am Gastgeber, der sich am Eingang umdreht, vorbei und macht auf die plötzliche Stille dort draußen aufmerksam. Der Windschatten eines Wolfsrudels schlägt eine lautlose Schneise ins Tal, die Siedlung verstummt aufgrund unsichtbarer Lebewesen, die, glaubt man einer hiesigen Legende, ein rotes Fell besitzt. Im Knall der zugeworfenen Tür kehrt die Spielrunde zurück in die Sicherheit einer eingeübten Truppe, gleichgültig, ob jemand auf Beutesuche durchs Gebüsch streift.

(Glut) “Der Steinwurf zwischen Hund und Wolf: das bin ich”, denkst du dir, wenn dein starrer Blick der aufleuchtenden Zigarettenspitze in nichts nachsteht. Mit von Schlaflosigkeit geröteten Augen fixierst du den zwei, drei Armlängen entfernten Wald. Zwischen den Stämmen Dampf, die Nacht kriecht aus Moos und Wurzeln, tappt entlang der Berghänge, und du verortest dich mit deinen knapp 42 Jahren als Übergang vom Restefresser zu jenem Raubtier, das Ideal und Feind zugleich ist. Die Hunde beginnen wieder zu jaulen, Arman, Mari, Stephan und Akim verabschieden sich und kehren in ihre Behausungen am Talgrund zurück. Deine Frau Siran verräumt Gläser, Flaschen und Aschenbecher, du rückst Stühle zurecht und stocherst in der Ofenasche. Naira, eure 13 jährige Tochter, sitzt mit angezogenen Knien draußen auf einer Holzbank und du überlegst, ob du ihr von den Sternbildern erzählen sollst, über Wald und Gipfel im schmalen Ausschnitt Himmel zu erkennen. Weil dir das zu zweit geteilte Schweigen gefällt, bleibst du stumm, hockst rauchend neben ihr, bis sie aufsteht, im Hütteninneren ihre Matratze zum Ofen schleift und sich schlafen legt.

(Phantome) Man hat sich hier eingenistet, Wege gesucht und Pfade geschlagen, hin zu Wasserverläufen, die eigenen Rhythmus besitzen, laut in Erscheinung stürzen oder wieder verschwinden, nur Geröll als Zeuge der Schneeschmelze hinterlassen. Aus dem Bachbett wurden Steine zum auserwählten Siedlungsplatz geschleppt und Mauern errichtet, bis das Einzige, das der Eroberung fehlt, ein Priester ist. Zwar hatte jeder schon genug Messen intus, hatte Knie gebeugt, Hände gefaltet, aber der Geistliche ist seit langem auf und davon; stirbt also einer, findet sich einer etwa erhängt oder findet sich gar nicht mehr, so werden im Wald für den Toten Wege bereitet, hin zu einer Lichtung, an welcher Geister der Erde entsteigen und sich in Erinnerungen verfangen. Die Gemeinschaft feiert Begräbnis und Gedenken mit Wald und Wasser, lässt Atem zu Wolken und fast Haare zu Blättern wachsen, spinnt, wächst, träumt sich fort, rinnt, ächzt, schäumt und fordert tausend und mehr Gestalten von Fels und Baum, von Tier und Mensch.

Ein jeder jagt im Wald eigene Geister, doch niemand spricht von ihnen. Stattdessen einigt man sich auf eine bestimmte Auswahl an Geschichten. Es gibt die Erinnerung an Verstorbene, Verschwundene. An Levon etwa, dem Krautpriester, Scharfschützen, der während einer Offensive von aserbaijanischen Soldaten erschossen worden war; an Anais, die mit einem Milizionär nach Georgien durchbrannte und den traurigen Krekor zurück ließ, welcher seither aus Holzpflöcken klobige Gesichter schnitzt. Die zwischen Bäumen und in Fenstern platzierten Figuren starren mit großen Augen freigehobelt ins Leere und lösen in dir das Verlangen aus sie zu berühren. Die spitzen Nasen, gesplitterten Lippen beweisen den Fingern leblos zu sein; gehst du weiter, bleibt das mulmige Gefühl, sie würden dir blinde Flecken in den Rücken starren. Gelegentlich formen sich die Erinnerungen zu Balu, der verstarb, als der Winter den Frost bis ins Lavainnere der Erde fluchte. In der Kälte wurden eiligst Steine auf den Einzelgänger gehäuft, aber die Hunde hatten die Witterung schon, holten den Toten erneut ans Waldlicht und führten ihm ein anderes Grab zu. Es wirkte wie zusätzlicher Hohn, ausgerechnet Balu war an seinem Hund gescheitert, der kurz vorm Tod des Besitzers ein Reh zur Behausung zerrte, es gegen die übrigen Konkurrenten verteidigte und tagelang daran fraß, ohne den eigenen Herrn heranzulassen, keine Schläge und Tritte fürchtete, sondern den Alten zurück ins Haus biss. Mit Schadenfreude wurde beobachtet, wie Balu verängstigt, neidisch auf die Beute blickte und weinte; er wusste es und der Rest wusste es auch, nur sein Hund, das bissige Vieh, kapierte nicht, dass es seinen Besitzer endgültig aus der Gemeinschaft jagte. Weil er seine Frau Hadar vor etlichen Jahren fast erschlagen hatte, wohnte man seinem Sterben aus später Rache teilnahmslos bei. Niemand wollte damals Zeuge sein, wie Hadar zerbrach und während der Prügel kaum mehr schrie. Am anderen Ende der Siedlung wurde ein Verschlag errichtet, zwar ohne Herd, aber mit einer Feuerstelle, und dem gemeinsam gefassten Entschluss zufolge musste Balu dorthin umsiedeln. Stapfte er in den folgenden Monaten zurück zu Hadar, setzte sich an den Tisch und verlangte von der verschreckten Frau sein Essen, wurde er von einem Nachbarn wieder hinausgeworfen, so lange, bis er die Trennung annahm und nur mehr seinen Hund traktierte.

(Uniformen) Nach seinem zweifachen Begräbnis hast du es beibehalten, Hadar alle paar Tage zu besuchen. Das schlechte Gewissen Siran gegenüber verlangt nach der Traurigkeit dieser alten Frau, wie um klar zu machen, dass ein ähnliches Ende auch der eigenen Ehe gedroht hat. Hadar wendet den kahlgeschorenen Kopf in deine Richtung, klatscht, den Gast erkennend, erfreut in die Hände. Sie serviert Schwarztee und in Honig eingelegte Feigen, auf einem Regal neben dem blank gescheuerten Herd und einem schneeweißen Tellerstapel reihen sich kleine Keramikfiguren, lächelnde Engel und Heilige, zum Gebet bereit. Bei der zweiten Tasse Tee schaltet sie für gewöhnlich den Kassettenrekorder ein und singt zur Musik: Hello girls go on the Dancefloor! Die Melodie leiert, ungeduldig wartet Hadar, bis das Lied in Schwung kommt, und tappt dann mit einem Fuß vor, zurück, hüftwippend dreht sie sich und berichtet schnaufend, früher viel getanzt zu haben, sogar auf Bühnen, damals, als sie noch Zähne hatte.

Du isst die süßen Feigen, applaudierst ihrer Tanzvorführung und fragst dich, ob ihr Kichern mit jedem Mal verrückter klingt. Hadar verlor nie ein Wort darüber, wie Balu sie einst an den Haaren packte und ihren Kopf gegen die Wand schlug, bis sie bewusstlos wurde. Jeder weiß, dass ihr deshalb die Vorderzähne fehlen und sie sich aus Angst die Haare weiterhin so kurz wie möglich abrasiert, obschon der Mann längst gestorben ist. Mit Blick auf den Kassettenrekorder, während des Krieges aus einem verlassenen Haus gestohlen, erwähnst du beiläufig die Geschehnisse in Karabach. Hadar hört zu tanzen auf, zischt “Muselmann”. Sich bekreuzigend macht sie mit dem rechten Fuß eine dreimalig übern Boden kratzende Bewegung. Sie führt dich in den Schlafraum, der wenig Platz bietet für Spiegel, Nachtkästchen und Bett. Durch ein kleines Fenster werfen Sonne und Baumblätter ein angenehmes, schattiges Licht ins Innere. Über der dickgeplusterten Bettdecke liegen die gebügelten Uniformen ihrer beiden im Krieg erschossenen Söhne. Sie lächeln von gerahmten, an die Wände genagelten Porträtfotos. Zärtlich berührt Hadar die Jacken. Die Kopfhaut der gebückten Frau schimmert bleich durch grauschwarze Stoppelhaare, leise kommen Namen aus ihrem zahnlosen Mund geflüstert, von Kindern, die in Karabachs Wäldern ins Grab gefallen sind. Du verstehst, dass dieses Zimmer ein Ort unberührten Gedenkens ist. Wenn du dich später von ihr verabschiedest, beginnt Hadar wieder zu tanzen, sie tanzt so lange, bis die Erinnerungen an die Bühnenshows ihrer Jugend glaubhaft und die beiden Söhne lebendig werden.

(Spalt) Hast du dich schon mal gefragt, wie Naira das Tal sieht, die Schlammpfützen, schillernden Benzinschlieren, den dreckigen Schnee, von ersten Blumen durchbrochen, oder die Revierkämpfe der Hunde, in ihrer Gewalt nur vom Streiten zwischen Frau und Mann überboten? Während eines Gewitters, wenn Donnerschläge und Kerzenlichter ein Geheimnis versprechen, sitzt sie auf ihrem abgewetzten Ziegenfell, um im schrägen Winkel durchs Fenster Baumwipfel und Himmel zu betrachten. Am Hals der Ziegenhaut lässt sich der Messerstich erfühlen, der das Tier tötete; die mitgegerbte Wunde liegt als Erinnerung an die eingedrungene Klinge unter schwarzweiß gefleckten Haaren verborgen. Es ist ein heimlicher Hinweis auf den Tod, den Naira schon als Kind zu deuten wusste, das Loch entdeckte, und kapierte, dass dieser Spalt die Trennung ist. Zwar war es Nairas Lieblingsziege gewesen, dennoch freute sie sich, nach dem Schlachten auf einem neuen Fell spielen zu können. Einzig der Einschnitt am Hals ließ sie nachdenklich werden.

Sie malt sich die Geschichten aus, von denen sie gehört hat, imaginiert sie sich noch dunkler, seit du dem quirligen, damals fünf Jahre alten Mädchen von Hexen erzählt hast, die durchs Tal fliegen und jene Kinder fangen, die in aller Früh ihre Eltern wecken möchten. Besonders am Morgen, wenn Naira die Augen öffnet, springen die auf Kalaschnikows reitenden Hexen von den Bäumen ab, schälen sich böse aus deren Rindenschwarz, so lautete dein Märchen, tragen Nacht in ihren Haaren als Krähenschreie und warten, dass ein Kind durchs Zimmer schleicht.
Durch Naira wird dir bewusst, wie sehr das Tal zum Spiegelkabinett taugt. Es sind Kleinigkeiten, die unerwartet zusammenfinden und dich in ihrer gesammelten Stärke überraschen. Der fürs Gesicht fast zu große Mund, der lachend an Siran aus der Zeit vorm Krieg erinnert. Nairas Eigenheit, ein Gewitter mit zur Seite geneigtem Kopf durchs Fenster zu verfolgen, ist in stiller Konzentration eine durch die Jahre geschmuggelte Blaupause von Sirans Schwester. Die paar großen Muttermale, die Naira von dir geerbt hat und die sich in Form eines Bogens über ihren Rücken ziehen. Mit zehn stand sie verkehrt vorm Spiegel, spähte über ihre linke Schulter und erklärte Siran und dir, dass sie ein Sternenzeichen aus schwarzen Punkten auf der Haut trage. In beiläufigen Handlungen ihr gegenüber entdeckst du immer öfter deinen Vater. Hast früher aus gebündeltem Stroh und Stofffetzen, die Siran zu Kleidchen nähte, für Naira Spielzeug gebastelt. Schiebst du ihr eine der Puppen, die noch in der Hütte rumliegen, zu, stößt sie das Spielzeug zurück und bemerkt genervt, mit diesen nicht mehr zu spielen. Naira kann nicht ahnen, dass du grummelnd, mit erhobenen Augenbrauen, ein Ebenbild deines Vaters zeichnest. Dessen Art, Melodien zu pfeifen, barsch doch gut gemeint ein Kind anzusprechen, wiederholst du, wenn das Tal in Zufriedenheit wiegt und man in Abende schlittert, an denen am Feldrand Holz aufgeschichtet und mit Einbruch der Nacht entzündet wird. Man schüttet Benzin hinein und lacht, tanzt um die Flammen. Wind und Funken steigen auf, verglühen, Holzknister knackt die Wärme vorm Gesicht zum Ausschnitt von Sternen, Zweigen, Finsternis, in diesen Abenden, wenn die Funken stieben, und was sonst sollten sie machen, in diesen Augenblicken, dieser Jahreszeit.

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AUS : TEIL II | AUF DIE TOTEN , AUF DIE FRAUEN

(Zelle. 1 – 4.) Die Haut ist ein magischer Spiegel. Märchen werden wahr in diesen wie Scherben zusammengestückelten Narben, die kunstvoll eingeritzt ein Flackern zeigen. Die Bohrmaschina, wie der umfunktionierte Rasierapparat genannt wird, bunkert unter der Haut die Codes des Alphabets, der Sexualität und des Todes. Die Kunst, lernt Mikhail, liegt darin, nicht zu tief zu stechen, weil ansonsten die Zeichnung verwischt und zu einem Abbild der schwammigen Tage wird. Die Kunst darf nie zu tief dringen, schärft ihm Vladimir ein, der wegen Doppelmordes sitzt. Sonst wird sie sinnlos und hässlich. Stattdessen gilt es, behutsam zu sein, zärtlich fast. Wenn Teelöffel unter Augenlider geschoben und links wie rechts je zwei Wörter eingeschrieben werden, Banalitäten wie: Weck mich nicht auf. Es gilt, den Schmerz und die Angst auszuhalten, wenn der Löffel unters Lid rutscht und die Haut aufhebt. Egal, wie entzündet das Auge nachher ist, der Schlaf trägt sein Emblem in winzigen Buchstaben. Im Schlaf sinken diese Buchstaben ins Unterbewusstsein und entfalten sich als Sporen einer Fremde, die alle in den Zellen spüren können, dieses nicht zu benennende Gefühl einer übergeordneten Gewalt. In der Arbeitskolonie Nr. 6, Region Chelyabinsk, im südlichen Uralgebirge, braucht Mikhail etwa ein halbes Jahr (aber was zählen Monate schon in diesem halben Licht aus schwüler, stinkender Luft, Zeit wird wie Atem verbraucht und lähmend) um die Tätowierungen gänzlich zu verstehen und ein Gespür für diese Fremde zu entwickeln.

Spiritus. Dieses Wort, weiß Mikhail, findet seinen Ursprung in der lateinischen Bezeichnung für Atem. Der Atem der Geschichte, der Atem sämtlicher Welten, die im Geistwasser lagern und im Bauch des Gefangenen, der zum Arbeitseinsatz abkommandiert außerhalb der Zone, im Land hinterm Stacheldraht, einen langen, dünnen Schlauch, an dessen Ende ein Kondom festgemacht ist, schluckt. Zwischen einer der hinteren Zahnlücken steckt das andere Schlauchende und mithilfe einer Spritze füllt man dem Mann an die drei Liter Spiritus ein. Rauschschwanger kehrt er zurück in die Baracken, betet, dass sich das Kondom nicht ablöst oder reißt, er streichelt die tätowierten Ikonen und glaubt bei der Jungfrau Maria an sein Überleben, hat die drei Liter große Arschkarte gezogen, die sich im besten Fall zu einem Bastard von sieben Litern Wodka auswachsen wird. Zurück in der Zelle klopft man ihm auf die Schultern und bindet ihn an den Füßen am Deckenbalken fest, sodass er kopfüber in den Kreis seiner Kameraden hängt und aus dem Schlauch rinnt das Konzentrat, Tropfen für Tropfen aufgefangen.

Ähnlich, wie sich das entleerte Kondom mithilfe des dünnen Plastikschlauches aus dem Magen ziehen lässt, so sieht sich Mikhail im Verdauungstrakt des Staates Russland gefangen und versucht da wieder raus zu kommen. Er klammert sich an die Tätowierungen und die dazugehörigen Geheimnisse: Alles hier hat mit Schmerz zu tun. Man wächst ins Symbolhafte, trägt Talisman-Tätowierungen als Schutz gegen Tuberkulose oder Stalinfratzen über dem Herzen, weil kein Soldat oder Polizist auf eine solches schießen wird, glaubt man. Ikonen, Werwölfe und Teufel marschieren auf, weil man zwischen den Welten wechselt, ein Biest sein will und deshalb diese Figuren und Schädel und Schriften auf der Haut trägt. Die Tätowierungen sind Ausweis, Akte, Auszeichnung und Grabinschrift in einem. Man besitzt kein Gesicht mehr, die Merkmale der Familie, der Mund des Vaters und die Nase der Mutter, sind längst von den Ratten gefressen worden, dafür aber hat man diese gepickte, schwarz und blau gemalte zweite Haut. Ein mächtiger, neuer Körper, von den Zellen aufgezwängt. Es ist ein Boot, das Mikhail über die verrückte See bringt, durch die Zone, durchs Grab. Der Eintritt ins Gefängnis bedeutet sterben, die Welt draußen ist ein Totenreich, man stirbt von einem Tod in den anderen, Verbrecher sind Grabhüpfer und stolz darauf, zwischen den Extremen zu wechseln, dem Drinnen und Draußen. In den Baracken herrscht ein eigener Kodex, in Haut und Bildern festgehalten.. Eine brennende Kerze symbolisiert den Tod. Der Tod trägt noch viele andere tätowierte Masken, weil die Kriminellen in der Vorstellung leben, Geister zu sein, denen das hiesige Leben nichts wert ist.

Die einzige Welt, die existiert, ist jene der Magie, der Huren und Heiligen, der Kronen, Wappen und Schweine, eine Welt, die zeigt, wie schön und ordentlich Anarchie sein kann. Man muss sich jedes Tattoo verdienen und auf die Symbole achten. Wer ein Zeichen trägt, dass seinen Status ungerechtfertigt erhöht, bekommt zwei Stunden Zeit sowie Sandpapier, Glasscherben oder ein Messer, um die Lüge mitsamt der Haut wieder los zu werden. Danach stirbt er, denn wer kein Tattoo besitzt, existiert nicht. Man wächst in das Lachen der Totenköpfe. Die kyrillischen Abkürzungen und Buchstaben werden mit jedem Jahr stärker, die Fremde, die Mikhail zu Beginn gefühlt hat, kommt näher, ergreift in jeder Zeichnung mehr Besitz. Er stellt es sich als schwarz vor, schwarz und groß. Wie auch sonst.

An einem Ort wie diesen, wo ein strenges Regelwerk über Leben und Tod spielt, verschwinden ausgefallene Vorstellungen schnell. Stattdessen bleiben die klischeehaften, doch ernstgenommenen Zeichen. Eine von Stacheldraht umwundene Rose am Oberarm bedeutet, dass der Träger seinen 16. oder 18. Geburtstag im Gefängnis gefeiert hat, merkt sich Mikhail. Ein Krimineller verliert erst mit seinem allerersten Tattoo die Jungfräulichkeit und wird in der harten Umarmung der Kaste neugeboren. Die Tätowierungen als Ganzes sind eine nicht von der Haut zu löschende Uniform, samt Abzeichen, Orden, Medaillen. “Das Andere” sagt Mikhail zum Großen, Schwarzen. Es benützt die Nadeln, um ihm das Gefängnis bis in die Knochen einzuspeisen.

Einige Monate vor seiner Entlassung lässt sich Mikhail einen Werwolf tätowieren, halb gehörnte Katze, halb Frau. Die Vagabunden des alten Russlands wurden als solche Bestien bezeichnet, zwischen Nacht und Tag jagend, und weil Mikhail nach Ende seiner Strafe weit weg will, bloß gehen und frei sein, lässt er sich dieses Symbol stechen. Er hat sich diese Hoffnungen verdient, daran glaubt er. Das, was auf der Haut zu sehen ist, sind Hüllen, Scherben, Spielereien. Wichtig ist der Abdruck im Innern. Das sind die Tätowierungen, die im Jenseits gelten werden, denkt sich Mikhail, und träumt davon, nur mehr ein hagerer Schatten zu sein, dem die Gefängnisschriften schneeweiß blendend den toten Leib verzieren. Das Andere ist ein Fels, der Stich um Stich größer wird und tief in sich den alten Menschen birgt. Es wird zur eigentlichen, panzerartigen Haut, frisst die verbrauchte vom Fleisch, jene, die noch der Kindheit, den Eltern und der Schulzeit gehörte. Mit jeder Tätowierung wird man stärker, zwingt die Welt außerhalb der Lagergrenzen, dem Zellenkodex zu gehorchen. Lieber lässt man sich kastrieren, als eines der Bilder zu verlieren, die Scherben bis in die Seele streuen. In diesen Bildern zeigt sich das Chaos in seiner filigransten Möglichkeit, oder vielmehr: Es gibt kein Chaos, nirgends.